Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)

1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien

47 Im Jahre 1849 zu Wien! Die erste Andeutung einer Desinfektion in der Chirurgie war gefallen. Der Gedanke einer allgemeinen Antisepsis erglänzte wie ein berückender Stern am Himmel der ärztlichen Wissen­schaft. Und der ihn aussprach, war Dr. Karl Haller, welcher im Jahre 1837 in der Zeitschrift der Gesellschaft der Ärzte wie ein Seher ausgerufen hatte: „Ein frischer Morgenwind durchweht das Gebiet der Heilkunde, und sie reift einer schönen Zukunft entgegen, wenn die Weihe einer charaktervollen Gesinnung dem Geiste nüchterner, partei­loser Forschung dauernd die Bahn gebrochen haben wird.” Man sollte meinen, mit dem Frühling des Jahres 1849 hätte nun auch die Antisepsis sieghaft in Wien ihren Einzug halten müssen? Weit gefehlt! In unserem lieben Österreich geht meist alles verkehrt und im Falle Semmelweis gefiel sich das Geschick in besonders wunderlichen Sprüngen. Die ersten Befürworter der neuen geburts­hilflichen Lehre waren der Internist Skoda und der Dermatologe Hebra, und der erste, der ihre unermeßliche Bedeutung für die Chirurgie erkannte, war der Internist Haller. Klein, der Professor der Geburtshilfe, hüllte sich in verächtliches Schweigen, und die Chi­rurgen Schuh und Dum reicher, tüchtige Männer ihres Faches, aber ohne höheren Blick für das Ganze, sahen in Haller wohl einen phan­tastischen Schwärmer. In der Sitzung der k. k. Gesellschaft der Ärzte zu Wien am 6. Juni 1849 wurde die Wahl neuer ordentlicher Mitglieder vor­genommen. Von 39 abgegebenen Stimmen erhielt Brücke 38, Bednar 31, Chiari 29, Zsigmondy 27, Lorinser 24, Wedl 23, Semmel­weis 21, Standhartner 9. Nun war Semmelweis ordentliches Mitglied jener Körperschaft, welche seinerzeit an ihn die ehrenvolle Aufforde­rung gerichtet hatte, über seine Lehre zu sprechen. Aber er sprach nicht. Die ganze Welt redete über seine Entdeckung, alle Zeitungen befaßten sich mit der grauenvollen Sache, die ärztlichen Kreise er­warteten mit Spannung Semmelweis’ eigene Mitteilungen — aber er schrieb nicht. Hingegen versuchte er, was im Augenblicke nicht so dringend war: er petitionierte um eine Privatdozentur für Geburtshilfe. Klein war natürlich dagegen, und gegen Klein und Rosas konnte das ganze medizinische Professorenkollegium nichts ausrichten. Auffallend war, daß selbst Semmelweis’ Freund Lautner, mit dem er die Tier­versuche machte, den Haß irgend eines Unbekannten zu spüren be­kam. Rokitansky’s Assistent wurde beschuldigt, an der Revolution teilgenommen zu haben, und in Untersuchungshaft gezogen. Es erfolgte später wohl seine Freilassung, aber der Zweck war erreicht. Lautner*) wanderte aus nach Ägypten und wurde Leibarzt des Vizekönigs, und mit den Tierversuchen war es zu Ende. Selbst in seinen theoretischen Studien wurde Semmelweis be­hindert. Er hatte den unvergleichlichen Wert der Protokolle des seit *) Puschmann, Medizin in Wien.

Next

/
Oldalképek
Tartalom