Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)

1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien

45 Der 20. März 1849 nahte heran, an dem Semmelweis’ zweijährige Dienstzeit ablief. Dieser wünschte natürlich nichts sehnlicher, als seine Beobachtungen auf der Klinik fortsetzen zu können. Nachdem es auf den anderen Kliniken schon seit langem üblich war, die Dienst­zeit des Assistenten auf Wunsch um weitere zwei Jahre zu verlängern, und auch sein Vorgänger Dr. Breit dieser Begünstigung teilhaftig geworden war, reichte er ein Gesuch um zweijährige Verlängerung seines Dienstes im medizinischen Dekanate ein, vielleicht in dem Wahne, durch seine Entdeckung sogar ein Recht auf diese Gnade er­worben zu haben. Der medizinische Lehrkörper scheint in seiner Mehrheit für die Verlängerung gewesen zu sein, doch Klein pro­testierte und verhinderte sie. Gleichzeitig reichte er eine Beschwerde beim Unterrichtsministerium ein, bezüglich der Kompetenz des Lehr­körpers in solchen Fragen. Am 20. März 1849 mußte der größte aller Assistenten, welche das Wiener Gebärhaus jemals beherbergt hat, wider seinen Willen, blutenden Herzens die Stätte seiner so segensreichen Wirksamkeit verlassen! Sein Nachfolger wurde Dr. Karl Braun. Dieser Hieb saß. Klein hätte seinen Nebenbuhler, der ihm nach­gerade über den Kopf gewachsen war, mit nichts empfindlicher treffen können. Entlassen! Ohne klinische Patienten, ohne Privatpraxis — das heißt für den medizinischen Forscher kaltgestellt werden. Ade, Wissen­schaft! An dir darf sich nur berauschen, wer sich bei dem Professor einzuschmeicheln versteht. Semmelweis rekurierte*) gegen die Entscheidung beim Unter­richtsministerium — umsonst. Dort richtete man sich nach dem Edlen r, 9486 v. Rosas. Und mittels Erlaß vom 28. November 1850, Z. ——— ent­50 schied das Ministerium, die Verlängerung der Anstellungszeit des ge­burtshilflichen Assistenten über zwei Jahre hinaus gehöre nicht in den Wirkungskreis des Professorenkollegiums. Wenn etwas Semmelweis in seiner Niedergeschlagenheit aufzu­richten vermochte, so war es die warme Teilnahme, die unverhüllte Empörung seiner schon zahlreichen Freunde und Gönner. Klein’s Bosheit eiferte diese zu um so regerer Tätigkeit an, um ihrem Schütz­ling zum Siege zu verhelfen. Skoda gab Semmelweis den weisen Rat, die freie Zeit nun zu Tierversuchen zu benutzen, um die Richtigkeit seiner Theorie durch Experimente zu beweisen, welche an Menschen nicht ausführbar waren. Semmelweis verband sich sofort mit seinem Freunde, Dr. Lautner, der Rokitansky’s Assistent war, und ver­tiefte sich mit Eifer in die neue Aufgabe. Der treffliche Primarius Haller widmete in dem Bericht, den er als provisorischer Direktionsadjunkt über das allgemeine Krankenhaus, das Gebärhaus etc. im Jahre 1848 verfaßte, mehrere Seiten der Semmelweis’schen Entdeckung und sparte nicht mit seinem Lobe: *) Nach den Akten im Unterrichtsministerium. Der Rekurs wurde leider skartieit.

Next

/
Oldalképek
Tartalom