Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)
1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien
44 Wenn diese gefährliche Krankheit in den geburtshilflichen Räumen nicht mehr so herrschte wie vordem, so wäre der bedeutungsvolle Erfolg bekräftigt. Auch in Prag, wo das Kindbettfieber so häufig vorkommt, ist es denselben Ursachen zuzuschreiben! Meine Aufzeichnungen über Deine Entdeckung habe ich in einem Büchelchen veröffentlicht.) *) Der hier erwähnte Aufsatz von Routh erschien in den Med. Chirurg. Transactions, Vol. XXXII., 1849, unter dem Titel: „On the causes of the Endemic Puerperal Fever of Vienna”. Eine andere erfreuliche Überraschung brachte die Sitzung der k. k. Gesellschaft der Ärzte in Wien vom 23. Februar 1849, in welcher Primararzt Dr. Karl Haller, Dozent für interne Medizin, das Wort ergriff, um in wärmster Weise für Semmelweis einzutreten. Das Protokoll**) berichtet darüber: „Herr Primarius Dr. Haller teilt der Versammlung das Resultat einer Berechnung des Mortalitätsverhältnisses der Mütter und Kinder an der I. geburtshilflichen Klinik in Wien im Zeiträume von 12 Jahren mit, aus welchem hervorgeht, daß in den beiden letzten Jahren die Sterblichkeit der Wöchnerinnen und Kinder sich so auffallend vermindert habe, daß in den letzten Jahren, im Vergleiche zu den günstigsten Verhältnissen der früheren Jahre, 4/5 bis 5/6 Individuen weniger starben, obgleich die Zahl der Gebärenden eine größere als in früheren Jahren war. Da man aus dieser Tatsache berechtigt ist, den Schluß zu ziehen, daß die Reinigung der Hände von Seite der Ärzte und Hebammen vor der Untersuchung der Mutter mit Chlorwasser, welche seit der Zeit der Verminderung der Sterblichkeit von Herrn Dr. Semmelweis auf dieser Klinik eingeführt wurde, einen bedeutenden Einfluß auf dieses günstige Mortalitätsverhältnis geübt habe, beschloß die Versammlung, Herrn Dr. Semmelweis zu ersuchen, derselben seine Erfahrungen über diesen Gegenstand in einem Vortrage mitteilen zu wollen Abermals hatte also ein Nichtfachmann, empört über Klein’s Ignoranz, für dessen trefflichen Assistenten eine Lanze eingelegt, und unter dem Eindruck der überzeugenden Worte Haller’s faßte die Versammlung den erwähnten, für Semmelweis so ehrenvollen Beschluß. Damit nahm auch die k. k. Gesellschaft der Ärzte demonstrativ Stellung gegen Professor Klein, der es niemals der Mühe wert gefunden hatte, öffentlich über Semmelweis’ Entdeckung und prophylaktisches Verfahren auch nur ein Wort zu verlieren. Vernunftgründen nicht zugänglich, wurde Klein durch diese allgemeine Anerkennung der angeblichen Verdienste seines Assistenten gegen diesen nur noch mehr eingenommen und hatte nur den einen Gedanken, des unbequemen Gesellen baldigst sich zu entledigen. *) Ätiologie, p. 283. **, Zeitschrift der Gesellschaft der Arzte in Wien, 1849.