Inventare Teil 5. Band 7. Gesamtinventar des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs (1938)

Belgien, von Oskar Schmid

108 Belgien. gesetzt. Die Akten mußten dort übereinandergeschichtet eingelagert wer­den, so daß eine Benützung derselben unmöglich wurde.1 Dieser trostlose Zustand verursachte es, daß der Bevollmächtigte Minister Graf Cobenzl dem Staatskanzler in Wien die Notwendigkeit nahe­legte, ein kleines Gebäude zu errichten, um die Archive dort zu verwahren,1 2 und ebenso trug man sich zwei Jahre später, im Jahre 1765, wieder ernst­haft mit dem Gedanken der Errichtung eines belgischen Zentralarchivs.3 Eine Depesche Maria Theresias vom 4. Febr. 1765,4 die wieder durch eine Denkschrift Wynants5 veranlaßt worden und welch letztere einem Berichte des Generalgouvernements vom 24. Nov. 1763 beigeschlossen war,6 bot diesem Projekt eine neuerliche Anregung'. Es hatte die Überzeugung Platz gegriffen, daß für eine Ordnung und Inventarisierung der Archive die Errichtung eines neuen Gebäudes Vor­aussetzung sei.7 Das Haus der Chambre des comptes befand sich infolge seines Alters in einem derartigen Zustand, daß man daran keine Ausbesse­rungen mehr vornehmen konnte.8 Nicht viel besser war es damals mit dem Gebäude bestellt, wo sich die Ratskollegien versammelten. Da jede Mög­lichkeit fehlte, in angemessener Nähe ein geeignetes Bauwerk zu mieten, legte der Bevollmächtigte Minister Graf Cobenzl die zwingende Notwendig­keit dar, nicht nur für die Archive, sondern auch für die Ratskollegien und für die Chambre des comptes ein Gebäude zu errichten.8 Die Herstellung eines neuen geeigneten Gebäudes war aber nicht zu erreichen. Die unruhevollen Zeiten standen dem Projekt durchaus im Wege, denn zunächst kam es noch zu einer endgültigen Auseinandersetzung mit der Krone Frankreichs über strittigen Archivalienbesitz. In den Jahren 1769 und 1770 erfolgten für die belgischen Aktenbestände durch die zwi­schen Maria Theresia und Ludwig XV. im Rahmen des Versailler Vertrages vom 16. Mai 1769 geschlossene Archivkonvention neue Zuflüsse, bzw. Ab­gänge.9 Eine gemischte Kommission bearbeitete die Archive verschiedener 1 Vgl. Marneffe, a. a. 0. S. 9. 2 Bericht vom 24. Nov. 1763, in welchem angezeigt wird, daß unter gleichem Datum drei weitere Relationen (sie sind nicht erhalten) abgegangen seien. Die dritte behandelte die Frage eines eigenen Gebäudes und das „arrangement général des archives“. 3 „ ... de former dans la ville de Brusseies un dépot général des toutes Ses archives des Pai's-Bas sous la garde et direction d’un offleier en titre“ (Belgien Rep. DD, Abt. B, Fasz. 65, Memoire vom 10. Mai 1765). 4 Depeschen, Fasz. 46. 5 „Mémoire instructif pour un arrangement général des Archives“, zitiert in Mac Nenys „Mémoire sur les archives“ vom 10. Mai 1765 (Belgien Rep. DD, Abt. B, Fasz. 65). 6 Der Bericht und allem Anscheine nach auch das Mémoire Wynants sind nicht erhalten. 7 Vgl. auch das in Anm. 5 genannte Mémoire MacNenys, wo es heißt, daß es ohne eine Lösung der Raumfrage unmöglich sei, dem Grafen von Wynants einen methodischen und streng vorgezeichneten Plan vorzuschreiben. Weit davon entfernt, die Akten syste­matisch ordnen zu können, sehe man sich aus Platzmangel gezwungen, die wichtigsten Bestände auf einem elenden Dachboden übereinandergeschichtet, den Witterungsunbilden ausgesetzt, zu belassen. 8 Bericht Cobenzls an die Kaiserin vom 20. Mai 1765 (Belgien Rep. DD, Abt. B, Fasz. 65). 9 Artikel 38; vgl. G. F. v. Martens, Recueil des principaux traités I (1761—1778), Göttingen 1791, S. 279, 280. Vgl. Rep. XXI olim XXIV (AB. 191) und Rep. XIX olim XXI (AB. 192).

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