Inventare Teil 5. Band 4. Gesamtinventar des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs (1936)
Österreichische geheime Staatsregistratur von Lothar Gross
Österreichische geheime Staatsregistratur. Dieser inhaltlich außerordentlich bedeutende und auch ziemlich umfangreiche Bestand begegnet uns im Besitze des StA. zum erstenmal in dem von Knechtl darüber angelegten Repertorium N (AB. 164), in dem er als diplomatisch-publizistische Kollektion bezeichnet wird. Als diplomatische Kollektion erscheint er auch in der 1840 angelegten Übersicht über die Bestände des Archivs, während die auf den alten Faszikeldeckeln befindliche Aufschrift ihn publizistische Kollektion nennt. Unter diesem etwas merkwürdigen Titel verbirgt sich eine in der österreichischen Hofkanzlei zur Zeit des Sekretärs Christoph Ignaz Freiherrn von Abele von und zu Lilienberg, des nachmaligen Hofkammerpräsidenten, ungefähr in den Jahren 1670—1680 angelegte Spezialregistratur für die diplomatischen Akten der Kanzlei, die gerade damals in steigendem Maße die Agenden der auswärtigen Politik an sich zog.1 Ein nur wenige Jahre später entstandener Kanzleiindex bezeichnet sie bereits als Österreichische geheime Staatsregistratur. Bei der Rekonstruktion der Abteilung, über die noch zu sprechen sein wird, wurde daher dieser Name wieder aufgenommen. Ihrer Provenienz nach enthält die Staatsregistratur aber nicht nur diplomatische Korrespondenzen der Hofkanzlei, es finden sich auch umfangreiche Teile der Registraturen der kaiserlichen Gesandten Isaak Yo 1 mar und Marquis Otto Heinrich Carretto di Grana, eine größere Zahl von Akten der österreichischen Hofkanzlei, die ausschließlich innerösterreichischen Angelegenheiten gelten (aus den Jahren 1620—1665) und mit der auswärtigen Politik nichts zu tun haben, und auch Korrespondenzen aus der Reichskanzlei, die wohl als Vorakten anläßlich späterer Korrespondenz der österreichischen Hofkanzlei in der gleichen Sache hierher gelangten. Über die Tätigkeit des Registrators Johann Christoph Geist und die1 Einteilung und Gestaltung der ursprünglich 80 Faszikel umfassenden Registratur darf auf den unten genannten Aufsatz verwiesen werden. Aus der Hofkanzlei ging dieser Bestand an die Staatskanzlei über, in deren Registratur er 1780 nachweisbar ist.1 2 Wann er von hier in das StA. kam, konnte bisher nicht festgestellt werden. Knechtl hat, wie schon erwähnt, wiewohl mehrere alte Repertorien bestanden, ein neues Repertorium angelegt. Da es in der Repertorienreihe den Buchstaben N erhielt, wurde nach ihm später der ganze Bestand oft als Repertorium N bezeichnet. Bald darauf schritt man an die Auflösung des Bestandes. Für diesen Entschluß mag, abgesehen von dem damals im allgemeinen vorwaltenden Gedanken, 1 Vgl. hierüber sowie über die Staatsregistratur und die Rolle Abeles L. Gross, Der Kampf zwischen Reichskanzlei und österreichischer Hofkanzlei um die Führung der auswärtigen Geschäfte, in Historische Vierteljahrschrift 1924, S. 301 ff. 2 Vgl. StK. Interiora Archiv Fasz. 45.