Inventare Teil 5. Band 4. Gesamtinventar des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs (1936)
Reichsarchive von Lothar Gross
Mainzer Erzkanzlerarchiv. 383 Ministers Grafen Alois Franz Rechberg zu Handel soll man in München gefürchtet haben, daß sich in den Mainzer Archiven Akten über den „ehemaligen deutschen Fürstenbund“ befinden könnten, durch die noch lebende hochstehende Persönlichkeiten kompromittiert werden würden.1 Vielleicht hoffte man aber auch in Bayern, daß die ganze Angelegenheit in Vergessenheit geraten und so die wertvollen Archive schließlich in bayrischem Besitz verbleiben würden. Endlich, im Jahre 1818, gab die bayrische Regierung nach mehreren Demarchen des österreichischen Gesandten in München, denen sich auf Betreiben Österreichs auch der preußische Gesandte angeschlossen hatte,1 2 ihre Zustimmung, daß das Reichs- und das Landesarchiv nach Auslieferung der auf Aschaffenburg bezüglichen, übrigens wenig zahlreichen Akten nach Frankfurt abtransportiert werden können, doch behielt sich Bayern „die Rechte an der Gemeinschaft und an dem Mitgebrauche dieser Akten“ vor.3 So wurde denn von Handel der Legationsrat Jakob von Weißenberg am 10. Dez. 1818 nach Aschaffenburg ab- gesandt, der dem bayrischen Regierungsdirektor Stumpf die auf Aschaffen- burg und andere ausschließlich bayrische Gebiete des ehemaligen Kurstaates bezüglichen Akten auslieferte4 * 6 und dann die Mainzer Archive per Achse — der Wasserweg war infolge Eisganges nicht mehr benutzbar — nach Frankfurt bringen ließ. Am 31. Dez. 1818 konnte Handel nach Wien melden, daß der Transport glücklich vollzogen sei und das Archiv in der Kommende des Deutschen Ordens in Sachsenhausen, die durch die Wiener Kongreßakte an Österreich gekommen war, untergebracht sei. Die Kosten des Transportes wurden nach Weisung des k. k. Finanzministers durch Handel aus der ihm unterstellten Generalkasse in Frankfurt bestritten/’ Im Laufe der Jahre 1817 und 1818 hatte der preußische Ministerresident in Frankfurt bei Handel mehrmals wegen Auslieferung der auf die preußisch gewordenen Gebiete des ehemaligen Kurfürstentums Mainz (Erfurt und Eichsfeld) bezüglichen Akten angefragt. Unmittelbar nach Ankunft des Mainzer Archivs in Sachsenhausen wurde nun diesem Wunsche durch Übergabe von vier Kisten mit solchen Akten entsprochen. 1820 hat dann Handel, der selbst große Teile des Mainzer Archivs durchsucht haben muß, noch weitere Erfurter und Eichsfelder Archivalien an den preußischen Ministerresidenten abgegeben, ohne jedoch auch mit dieser zweiten Auslieferung alle auf diese Gebiete bezüglichen Akten erfaßt zu haben.® Außer diesen Auslieferungen sowie der Abgabe einer größeren Anzahl von kaiserlichen Reichssiegeln an das StA. in Wien, die ebenfalls 1819 erfolgte,7 1 Bericht Handels vom 27. Okt. 1817. 2 Bericht Hrubys aus München vom 28. Juli 1818. — Die hessische Regierung, die von Österreich auch um Unterstützung angegangen wurde, unternahm nichts, offenbar aus politischen Gründen, vgl. Bericht Handels vom 21. Juni 1818. 3 Bayrische Note vom 17. Aug. 1818 (Beilage zum Bericht Hrubys vom 21. Aug. 1818). 4 Ein summarisches Verzeichnis der ausgelieferten Akten in StK. Interiora Archiv Fasz. 14b. 6 Note des k. k. Finanzministers an die Staatskanzlei vom 19. Nov. 1818 in StK.. Interiora Archiv Fasz. 14 b. 6 Vgl. unten S. 390. 7 StK. Interiora Archiv Fasz. 14b.