Inventare Teil 5. Band 4. Gesamtinventar des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs (1936)
Reichsarchive von Lothar Gross
384 Keichsarchive. scheint damals keine Veränderung an den Mainzer Beständen vorgenommen worden zu sein. Aus den folgenden zwei Jahrzehnten hören wir überhaupt so gut wie nichts über das Archiv. Im Gegensatz zu dem großen Interesse, das man diesem archivalischen Schatz unmittelbar nach den Befreiungskriegen entgegenbrachte, scheint er jetzt allmählich in Vergessenheit geraten zu sein. Eine Wandlung trat erst ein, als die maßgebenden Faktoren von Seite des Wiener StA. auf den Wert und die Bedeutung des Mainzer Reichsarchivs neuerdings aufmerksam gemacht wurden. Das erstemal erhielt man im Wiener Archiv im Jahre 1818 nähere Kenntnis von den Mainzer Archiven, als der Archivleitung das von Schlegel aufgenommene Inventar samt den zugehörigen Akten von der Staatskanzlei zur Einsicht übermittelt wurde. Knechtl hat auf Grund des Inventars von „den wichtigsten Rubriken“ des Mainzer Reichsarchivs für die Zwecke des Wiener Archivs „Auszüge“ angefertigt. Diese Auszüge liegen uns offenbar in dem AB. 143 vor. Knechtl hat darin eine Einteilung des Mainzer Erzkanzlerarchivs durchgeführt, die der bei der späteren Neuordnung des Archivs zugrunde gelegten ziemlich nahe steht. Er wies auch in seinem Berichte an die Staatskanzlei bereits auf die engen Zusammenhänge des Mainzer Erzkanzlerarchivs mit dem Wiener Reichsarchiv hin. Als 1843 die Archivdirektion der Staatskanzlei ein Gutachten anläßlich der bevorstehenden endgültigen Auseinandersetzung über das Archiv des Reichskammergerichtes in Wetzlar abzugeben hatte,1 benützte der mit der Abfassung desselben betraute Chmel die Gelegenheit, um auf die Wichtigkeit des in Frankfurt liegenden Reichsarchivs hinzuweisen, dessen Vereinigung mit dem Wiener Archiv er für sehr wünschenswert bezeichnete, und die Entsendung eines Beamten zur genauen Untersuchung des Reichsarchivs anzuregen. Im August 1845 erhielt dann der Archivoffizial Franz Baumgartner von der Staatskanzlei den Auftrag, auf der Rückreise von einer Dienstreise nach Koblenz in Frankfurt a. M. das Erzkanzler- und das Kur- mainzische Archiv zu besichtigen und über den Zustand derselben zu berichten. Baumgartner entledigte sich seines Auftrages in der Zeit vom 9. Sept. bis 28. Okt. 1845 und hat über seine Arbeiten einen eingehenden Bericht vorgelegt. Er fand die Archive noch im Deutschen Hause in Sachsenhausen in zwei ebenerdigen Zimmern untergebracht und in 217 Kisten verpackt, so wie sie aus Aschaffenburg gekommen waren. Die Räume waren hinlänglich trocken und die Fenster mit Eisengittern geschützt, die Zimmerdecken waren nicht gewölbt und hatten durch das Durchsickern von Wasser, das bei einer militärischen Einquartierung im ersten Stock ausgeschüttet worden war, sehr gelitten. Viel schlimmer als dieser Schaden war für das dem Bundesregistrator Johann Daniel Leutheusser unterstellte Archiv der Umstand, daß ein Teil der Kisten sehr schadhaft war und die Archivalien dadurch von Feuchtigkeit und den Mäusen und Ratten bedroht waren. Glücklicherweise waren die Schäden damals noch keine großen. Baumgartner fand nur verhältnismäßig wenig Akten, die von den Mäusen angefressen waren und durch das bei der letzten Mainüberschwemmung 1 Vgl. darüber S. 374 f.