J. K. Mayr: Inventare Teil 5. Band 3. Metternichs geheimer Briefdienst. Postlogen und Postkurse (1935)
II. Die Postkurse - C. Der Kampf um Italien
haften Weigerung der französischen Regierung und der mangelnden Mithilfe Toskanas nur in einem Separatartikel und in ganz hypothetischer Form Platz finden. Aber selbst diese geringfügigen Zugeständnisse scheinen noch im letzten Augenblicke neue Bedenken Damas’ hervorgerufen zu haben, und hätte sich Lilien durch die Mangelhaftigkeit der Vertragsexemplare, die mehrere ganz ungewöhnliche Korrekturen aufwiesen, von der Unterfertigung derselben abhalten lassen, dann wäre wohl der Postvertrag noch weiter zum Nachteile Österreichs abgeändert worden. Denn kaum drei Stunden nach erfolgter Unterzeichnung lief bei der französischen Generalpostdirektion der Auftrag Damas’ ein, den Vertrag noch nicht zu unterfertigen, sondern ihn ihm zu neuerlicher Durchsicht nochmals vorzulegen61). Den französisch- sardinischen, dem österreichischen nachfolgenden Postvertrag hat sich der französische Generalpostdirektor Vaulchier von Lilien entwerfen lassen62 63), doch blieb die Frage offen, ob und wie er davon Gebrauch machen würde. Der Wichtigkeit entsprechend, die der österreichischerseits ins Treffen geführten Regulierung der Piüninger Postlinie zukam, hat auch Lilien von Paris aus unmittelbar in die Beschleunigung des Hüninger Postkurses eingegriffen. Wobei er nun freilich die Hofkammer in nicht geringe Verlegenheit brachte, da er wohl immer neue Forderungen stellte, bezüglich der französisch-italienischen Gegenpost aber keinerlei Zusicherungen machen konnte. Dennoch stimmten Staatskanzlei und Hofkammer in der Überzeugung überein, daß nichts verabsäumt werden dürfe, was Liliens Pariser Versprechungen rechtfertigen konnte 6S). Denn je mehr sich Frankreich mit dem Hinweise auf die Unzulänglichkeit der Hüninger Linie der Preisgabe seiner fremditalienischen Gegenpost widersetzte und je eifriger es sich zur selben Zeit insgeheim mit Cerruti über die Beschleunigung der französisch-sardinischen Postlinien verständigte, um so lauter erging sich Lilien im Lobe der Hüninger Postlinie und um so kürzere Beförderungszeiten schrieb er ihr zu. Und wies Damas dem gegenüber auf den geringfügigen Längenunterschied zwischen der Hüninger und der Turiner Postroute hin, so legte Lilien das Hauptgewicht auf die Österreich zur Verfügung stehenden Beförderungsmittel, mit denen es Sardinien niemals werde aufnehmen können. Ein Routenplan, den er sich insgeheim aus dem französischen Postbüro zu verschaffen wußte, gab ihm neue Beweismittel an die Hand64). Und so leidenschaftlich stritt Lilien für die Hüninger Postroute, daß er schließlich selbst an der Fülle seiner Versprechungen irre geworden ist: keinen Augenblick länger, so schien es ihm, durfte der Ausbau derselben verzögert werden, sollte er nicht, wenn Frankreich doch noch auf seine Zusagen einging, darüber in arge Verlegenheiten geraten65). Am Ende aber mußten auch seine verlockendsten Anerbietungen an dem Widerwillen Frankreichs scheitern, seine fremditalienischen Korrespondenzen der österreichischen Postkontrolle zu unterwerfen. Aber Metternich gab das Spiel noch nicht verloren. Mehr Verständnis als bei den Regierungen hoffte er beim korrespondierenden 61) Bericht Liliens 2 j III 17 Frankreich, Varia 98. 62) Bericht Liliens 25 III 29 Frankreich, Varia 98. 63) Note an Hofkammer 24 XII 16 Notenwechsel 28; Weisung an Lilien 24 XII 21 Frankreich, Varia 98. °4) Bericht Liliens 24 XI 19 Frankreich, Varia 98. 65) Bericht Liliens 24 IX 4 (Anm. 46). 8p