J. K. Mayr: Inventare Teil 5. Band 3. Metternichs geheimer Briefdienst. Postlogen und Postkurse (1935)

II. Die Postkurse - C. Der Kampf um Italien

Publikum zu finden und aller Tadel desselben mußte sich gegen sie kehren, wenn sie seine auch finanziell so außerordentlich vorteilhaften Anträge aus­schlugen66). So wandte er sich, sobald der Hüninger Postkurs auf die ver­sprochene Höchstleistung gebracht war, die ihm der sardinischen Route gegen­über einen Vorsprung von fünfzig Stunden sicherte, sogleich an die ersten Bank- und Handlungshäuser in Florenz und Rom und im besonderen an das Bankhaus Rothschild in Neapel67) und ließ sie zu versteckten Probesendungen aus London und Paris über Hüningen einladen68). Das klappte nun freilich anfangs nicht immer, da die Pariser Zeitungsverleger — wohl im Einverständ­nisse mit der Regierung — über den Wunsch der Besteller hinweg die Probe­sendungen nach Möglichkeit doch über Turin statt über Hüningen expedier­ten. Aber schon 1826 konnte der österreichische Gesandte aus Neapel be­richten, daß die Pariser Zeitungen über Hüningen um zwei Tage früher dort einträfen als über Turin, und Metternich säumte nicht, diesen Erfolg sogleich der französischen Generalpostdirektion mitzuteilen. Bald bedienten sich selbst die fremden Gesandten für den Bezug der französischen und englischen Zei­tungen der Hüninger Postroute69). Das trieb nun freilich auch Frankreich und Sardinien zur Beschleunigung ihrer Postkurse an und Massimo kam ihnen auf halbem Wege entgegen70). Bald rückten sie auch mit vereinten Kräften dem toskanischen Hofe zu Leibe. Und fügte sich dieser ihren Anträgen und brachte er die toskanischen Transitlinien auf die Geschwindigkeit der benach­barten Postkurse, dann bestand allerdings die Gefahr, daß das blaue Band von der österreichischen wieder auf die sardinische Postlinie überging. Dem stellte sich Metternich in Florenz mit seinem ganzen Einflüsse entgegen 71), und so wogte der Kampf zwischen den Postverwaltungen viele Jahre lang unentschieden hin und her. d) Annahmeverweigerung der durch Österreich vermittelten fremditalienischen Frankreichpost. Der österreichisch-französische Postvertrag von 1825 ist nur fünf Jahre lang in Kraft geblieben. Hatte sich die französische Regierung schon damals nur widerwillig dazu verstanden, so beeilte sie sich schon nach Ablauf des ersten Jahrfünfts mit der Kündigung. Sie hatte sich unterdessen ganz für Sardinien entschieden — den Kleinstaat, der viel mehr der Förderung be­durfte als der große Rivale Österreich72) — und war nun fest entschlossen, die fremditalienische, nach Mittel- und Nordfrankreich gehende Korrespon­denz nicht mehr über die Lombardei, sondern nur noch über Sardinien zu beziehen, das sie in der Gegenrichtung schon seit langem vermittelte. Dazu veranlaßten sie nicht nur ihr sardinischer Postvertrag, sondern auch das Drängen Englands und die heimlichen Vorstellungen Toskanas, des Kirchen­staates und Neapels. Was diese Kündigung zu bedeuten hatte, darüber war man sich in Wien nicht im unklaren. Frankreich und Sardinien setzten nun m) Weisung an Lilien 24 XII 21 Frankreich, Varia 98. 67) E. C o r t i 1. c. i, 268 ff. 6S) Weisungen nach Rom, Florenz und Neapel 25 IX 13 Rom (adm.) 12, Toskana, adm. Reg. Postwesen, Neapel 77. m) Weisung nach Florenz 27 II 3 Toskana, adm. Reg. Postwesen. 70) Bericht aus Rom 26 V 30 Rom (adm.) 10. 71) Weisung nach Florenz (Anm. 69); detto 29 I 22 Toskana, adm. Reg. Postwesen. **) Bericht aus Turin 27 I 6 Sardinien 64. 90

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