J. K. Mayr: Inventare Teil 5. Band 3. Metternichs geheimer Briefdienst. Postlogen und Postkurse (1935)

II. Die Postkurse - C. Der Kampf um Italien

ließen 45). Denn längst hatte der Eifer, mit dem Österreich den Verlust der südfranzösischen Italienpost auszugleichen und die fremditalienischen Staaten bezüglich der mittel- und nordfranzösischen Korrespondenz auf die Hüninger Linie festzulegen suchte, die Aufmerksamkeit und die „politische Scheelsucht“ der französischen Regierung wachgerufen, die darin mit gutem Grunde ein Mittel zur Behauptung der österreichischen Postkontrolle erblickte und sich durch nichts von dieser Meinung abbringen, ja jene geheimen Zwecke zu wiederholten Malen offen zur Sprache bringen ließ46). Sich ihr zu entziehen, hat sich Frankreich immer enger an den verschwägerten sardinischen „Fami­lienhof“ angeschlossen. Ebenso eifrig suchte es sich an die übrigen italienischen Höfe heranzumachen und ein geheimes Einverständnis unter ihnen zu er­zielen. Frankreich dachte wohl schon — dies war Liliens Meinung — an die Möglichkeit eines durch die italienische Rivalität hervorgerufenen Konfliktes mit Österreich und wollte daher diesem seine Italienkorrespondenz unter kei­nen Umständen überlassen47). Eine ähnlidi mißtrauische und unfreundliche Haltung hat unter dem Eindrücke französischer Einflüsterungen und der dem österreichischen Post­wege durch Deckadressen entzogenen Berichterstattung seiner italienischen Missionen auch England eingenommen48). Es lag, wie Lord Canning, der britische Außenminister, in Paris erklären ließ, durchaus im Interesse Eng­lands, daß Frankreich dessen italienische Korrespondenz nicht über Österreich leite49). Dem hat man nun wohl in Wien durch die Drohung, sie Frankreich zu entziehen und über Belgien, Rheinpreußen und Bayern abzulenken, zu begegnen versucht. Schon lief ja ein Teil der englischen Außenkorrespondenz auf dieser Linie und der englische Posttransit durch Frankreich trug diesem jährlich etwa 250.000 Franken ein. Auch dachte man dabei in Wien ähnlich wie in Paris an die Möglichkeit späterer kriegerischer Verwicklungen mit Frankreich50). Mehr aber als die belgische Italienkorrespondenz hat Öster­reich nicht für sich zu gewinnen vermocht. Selbst die Hofkammer rechnete nicht damit, dies auch bei England erreichen zu können, zumal es Frankreich in seiner ablehnenden Haltung bestärkte. Noch viel ungestümer haben sich zu demselben Zwecke Sardinien51) und die Kurie in Paris betätigt. Gleich einem bösen Geiste trieb nun dort wieder Cerruti sein verderbliches Spiel52). Auch die Kurie kargte nicht mit beweglichen Vorstellungen und bemühte sich überdies, alle italienischen Regierungen in eine geschlossene Abwehrfront zusammenzufassen. Ihr ist auch Toskana zusehends nähergerückt. Denn es hielt sich den neuen österreichisch-französischen Postvertragsverhandlungen so ferne als möglich und ließ es, als ob es schon ganz auf seinen Pariser Antrag vergessen hätte, so sehr an allem Eifer und an aller Bestimmtheit fehlen, daß es immer mehr in den Verdacht der Zweideutigkeit und des heimlichen Einverständnisses 45) Bericht Liliens 25 I 10 (Anm. 46). “) Berichte Liliens 24 IX 4, 25 I 10 Frankreich, Varia 98. 47) Bericht Liliens 24 XI 19 Frankreich, Varia 98. 4S) Memoire Liliens 25 VI Frankreich, Varia 98. 40) Bericht Liliens 25 I 10 (Anm. 46). 50) Promemoria Lebzelterns 24 VI Friedensakten 158. 51) N. B i a n c h i 1. c. 2, 153 f. 62) Bericht Liliens 24 VIII 18 Frankreich 358. 87

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