J. K. Mayr: Inventare Teil 5. Band 3. Metternichs geheimer Briefdienst. Postlogen und Postkurse (1935)
II. Die Postkurse - C. Der Kampf um Italien
Unterdessen verbrachte der österreichische Hofkammerregistrant Kraißl, der in Barbiers Pariser Liquidierungskanzlei tätig war, am Genfer See eine wenig erquickliche Jahreswende. Wohl hatte Sardagna die Walliser im Frühjahr 1818 zu dem Versprechen bewogen, die französische, den Fischerischen Briefpaketen einverleibte Transitpost passieren zu lassen. Jetzt aber, da deren Ankunft unmittelbar bevorstand, erhoben sie wieder die alte Forderung, sie aufzubrechen und zu taxieren20). Der Umweg über Luzern und den St. Gotthard konnte in so kurzer Frist nun nicht mehr bewerkstelligt werden. So versuchte es Kraißl noch einmal, die wegen ihrer Ungefälligkeit allgemein bekannte Walliser Postdirektion zum Nachgeben zu bewegen. In der Tat gelang es ihm, die ersten französischen Transitpakete noch ungehindert durchzubringen. Dann aber mußte er sich einer neuen, von Wien eingelaufenen Weisung21) fügen, die südfranzösischen Postpakete in Genf eröffnen und deren Inhalt unter erneuten Loyalitätsbeteuerungen an das nächstgelegene sardinische Postamt Thonon zur Weiterbeförderung nach Turin und Mailand übergeben lassen22). Indem nun aber Frankreich mit größter Hartnäckigkeit an den Bestimmungen seines österreichischen Postvertrages festhielt, führte es dadurch eine seltsame Verlagerung seines Postverkehrs nach Lombardo- Venezien und Transpadanien herbei. Es ließ die Briefe dorthin vertragsgemäß teils über Ferne y, teils über Hüningen laufen, wobei erstere ohne Frankreichs Zustimmung über Genf und Thonon nach Turin abgelenkt wurden. Österreich aber mußte seine gesamte italienische Gegenpost, dem sardinischen Postvertrage entsprechend, über Turin und den Mont Cenis nach Frankreich instradieren lassen. Das war ein übles Ende der österreichischen Simplonpläne, das sich auf die Hüninger ebenso wie auf die Genfer Zweiglinie auswirkte. Jene ließ Österreich nur zweimal wöchentlich befahren, wodurch eine mehrtägige Verzögerung der nordfranzösischen Briefschaften entstand, die die lombardo-venezianischen Korrespondenten ver- anlaßte, sie sich unter Turiner Deckadressen über Sardinien zukommen zu lassen23). Auf dem Rückwege aber liefen die Hüninger Postfell eisen leer, da die nach Nordfrankreich bestimmten lombardo- venezianischen und transpadanischen Korrespondenzen über Turin und den Mont Cenis geleitet werden mußten. Nicht minder schwierig gestalteten sich die Verhältnisse auf der durch den Postvertrag mit Sardinien verkürzten Simplonlinie Mailand — Genf. Denn die Fischer wollten nun, da ihnen der lohnende Postverkehr mit Südfrankreich entgangen war, von dem kümmerlichen Reste der Korrespondenzvermittlung zwischen Lombardo-Venezien, Transpadanien und der Südwestsdiweiz nichts mehr wissen und sie gleichfalls an Sardinien abtreten 24). Wohl suchte sich dem das Mailänder Postamt durch Nichtannahme der über Turin einlaufenden südwestschweizerischen Postpakete entgegenzustellen, zwang aber dadurch die Fischer Ende Dezember 1820 zur Kündigung ihres 20) Bericht Kraißls 19 I 1 Friedensakten 158. zl) Weisung an Kraißl 19 I 13 Friedensakten 158. 22) Bericht Kraißls 19 I 22 Friedensakten 158. 23) Memoire (Anm. 2 S. 19). 24) Schreiben der Berner und Genfer 19 VIII 7 Schweiz, Nachträge; M. H e n r i o u d, Wallis 34.