J. K. Mayr: Inventare Teil 5. Band 3. Metternichs geheimer Briefdienst. Postlogen und Postkurse (1935)
II. Die Postkurse - C. Der Kampf um Italien
Über den Simplontransit der Fischer konnte naturgemäß nicht unmittelbar verhandelt werden. Dennoch stand er hinter den Dingen, wenn Lilien und Cerruti über den Transit geschlossener österreichisch-französischer Postpakete stritten, die jener als harmlos verlangte, dieser aber als verletzend zurückwies. Schon standen die Verhandlungen vor dem Abbruche, als Lilien durch Zufall von den sardinisch-bayrischen Plänen Kunde erhielt, die für diesen Fall unter schweizerischer Vermittlung auf die Gewinnung der wichtigsten deutschitalienischen Transitkorrespondenzen abzielten; schon war ein sardinischer Kommissär zur Reise nach München bestimmt. Sie zu vereiteln, gab Lilien den Postverkehr zwischen Lombardo-Venezien, Trans- padanien und Frankreich an Sardinien preis: Turin und der Mont Cenis beherrschten die Route15). Dies der Inhalt des am 26. Oktober 1818 zu Wien Unterzeichneten sardinischen Postvertrages16), über dessen Schlußverhandlung der Staats- und Konferenzrat Hudelist vom Schlage gerührt worden ist. Damit war Frankreich vor den Kopf gestoßen. Denn dieser Postvertrag hatte den Simplontransit zugunsten der sardinischen Mont Cenis-Route fallen, zugleich aber die Frage offen gelassen, wie sich Frankreich mit dieser einseitigen Abänderung seines österreichischen Postvertrages abfinden werde- Und wie Frankreich an seinem Prestige, so fühlten sich die Fischer an ihrem Geldbeutel getroffen und eben diese mögen, wie Sardagna vermutete, in ihrem Ärger über den drohenden Verdienstentgang Frankreich alles hinterbracht und dadurch dessen Zorn entflammt haben17). Als Barbier, der Vorsitzende des Pariser Verwaltungsrates der Alliierten, im Dezember 1818 dem französischen Ministerium die Gründe entwickelte, die Österreich zur Preisgabe des Simplontransits genötigt hätten, da erntete er nichts als Vorwürfe und Ablehnungen. Frankreich bestand auf seinem Schein, verwarf jede Änderung des Vertrages und wollte weder von einer provisorischen Umleitung des südfranzösischen Postpakets von Ferney nach dem nächsten sardinischen Postamte Thonon (am Südufer des Genfer Sees) noch von der Beförderung desselben über den Mont Cenis und Turin etwas wissen. Es publizierte den ganzen Notenwechsel und drohte, den Postvertrag mit Österreich zu kündigen18). Selbst das Ehrengeschenk, das Barbier dem Chef der französischen Generalpostdirektion „zur Behebung der obwaltenden Anstände“ überreichte, verfehlte seinen Zweck. Das war aber für Österreich um so peinlicher, je mehr es dadurch Gefahr lief, auch bei Sardinien in Mißkredit zu geraten. So mußte es sich in diesem Interessenkonflikte ganz auf dessen Seite stellen und durfte nicht den geringsten Zweifel an seiner Loyalität aufkommen lassen. Ja es mußte Frankreich unter vielen Beteuerungen zu verstehen geben, daß es gegen die Postvermittlung durch Sardinien nicht das mindeste einzuwenden hätte. Das alles wurde in einer langen Entschuldigungsnote dem sardinischen Gesandten zur Kenntnis gebracht19). 15) Lilien an Peter 18 X 24 Hofkammerarchiv 702/Pr. aus 1819. 16) Urkunden (Bittner n. 2032). 17) Bericht Sardagnas 18 XII 19 Schweiz, Nachträge. la) Berichte Barbiers 18 XII 14, 22, 19 I 12 Friedensakten 158. 19) Weisung an Barbier 19 I 6 Friedensakten 158; Note an sard. Ges. 19 I 7 Sardinien, adm. Reg. 3. 71