J. K. Mayr: Inventare Teil 5. Band 3. Metternichs geheimer Briefdienst. Postlogen und Postkurse (1935)
II. Die Postkurse - C. Der Kampf um Italien
Metternich eine Sardinien verletzende Wendung zu enthalten schien, noch vor der Auswechslung der Ratifikationen kassiert und durch ein verbessertes neues ersetzt wurde; zugleich mußten auch alle Abschriften der alten Fassung verbrannt werden. Als einzige Gegenleistung für ihr großes Entgegenkommen suchte Maria Louise die Beseitigung des mailändischen, Parma durchquerenden Postkuriers zu erreichen, aber ohne Erfolg. Auf ähnlichen Grundlagen hat Sardagna am 3. Dezember 1817 mit Modena abgeschlossen29). Alle Korrespondenzverbindungen mit Frankreich, Toskana, Rom und Neapel blieben Österreich Vorbehalten und nur der Briefwechsel mit Parma und Sardinien Modena unmittelbar überlassen. Von der Aufnahme besonderer Geheimartikel konnte Sardagna diesmal absehen. Die Barriere, die er soeben in Parma errichtet hatte, mußte sich auch auf Modena auswirken. 3. Der Simplontransit. Die Postverträge des Jahres 1817 brachten — soferne sie eingehalten wurden — fast den ganzen Auslandpostverkehr der fremditalienischen Staaten unter österreichische Kontrolle. Im Nordwesten hatte die Florentiner Postloge diesem Zwecke zu dienen. Im Nordosten schaltete der Kaiserstaat seine eigenen Postlogen in den fremditalienischen, von ihm selbst vermittelten Postverkehr mit Sardinien und Frankreich ein. Nur Modena und Parma durften — aus zwingenden geographischen Gründen — unmittelbar mit Sardinien korrespondieren. Der Angelpunkt dieses österreichischen Postsystems war — soweit der Korrespondenzverkehr mit Frankreich in Betracht kam — die Simplonstraße, die die Lombardei mit Frankreich verband und die die Mont Cenis-Route dank ihrer unvergleichlich günstigen geographischen Lage und ihrer bautechnischen Vorzüge weit übertraf. Nun lag aber der Simplonpaß auf sardinischem Boden und konnte daher den österreichischen Interessen nur im Einvernehmen mit Sardinien dienstbar gemacht werden — demselben Sardinien, dem man auf diesem Wege den Postverkehr zwischen Lombardo-Venezien, Transpadanien (Parma, Modena, den Legationen und Marken) und Frankreich zu entziehen hoffte. Wahrhaftig eine Quadratur des Zirkels, deren Lösung Baron Lilien anvertraut wurde. Jahrzehntelang hatten die Fischer1), die alteingesessenen Päditer des die südwestlichen Schweizer Kantone umfassenden Berner Postbezirkes, im Einvernehmen mit Sardinien den Simplonpaß befahren und Mailand mit Frankreich verbunden, als die Französische Revolution diese Route unterbrach und Napoleon sie durch den Mont Cenis ersetzte, der nur über Turin passiert werden konnte. Aber schon im Mai 1814 war die alte, von Napoleon unterdessen ausgebaute italienisch-französische Verbindungslinie zwischen Mailand und Bern2) wieder aufgenommen worden und gern hatte Sardinien „im ersten Moment der Restauration“, als Österreich von ihm die Abtretung Obernavarras samt dem Simplonpasse fordertes), den Fischern den Simplontransit aufs neue verliehen. Ihn bis nach Frankreich auszudehnen, dazu schien öster- * *) 29) Urkunden (Bittner n. 1924). *) J. S t ä g e r, Schweiz. Postwesen 3 ff.; L. Fischer, Bernisdhes Postwesen. 2) La route du Simplon (Bern 1906) 12 ff. 3) K. Großmann, Metternichs Plan eines ital. Bundes (Hist. Blätter 4) 61; R. Domenig, Kommerzstraßen in Graubünden 62 f. 68