J. K. Mayr: Inventare Teil 5. Band 3. Metternichs geheimer Briefdienst. Postlogen und Postkurse (1935)
II. Die Postkurse - C. Der Kampf um Italien
reich fürs erste die norditalienische Postbarriere eine treffliche Handhabe zu bieten. Nun standen zwar die Postverträge, die Mailand auf eigene Faust im Mai und Juni 1814 mit den Fischern abgeschlossen hatte4), mit Liliens Postsystem so wenig im Einklänge, daß er sie ehestens zu kündigen gedachte. Um so günstiger aber erschien ihm andererseits der Umstand, daß ihn die Fischer dank ihren alten Beziehungen zu Turin jeder unmittelbaren Fühlungnahme mit Sardinien überhoben5). Das waren die Voraussetzungen, unter denen Lilien am 30. Juni 1816 in Wien einen geheimen Postvertrag mit den Fischern ab schloß 6). Die Mailänder Vorverträge wurden aufgehoben und das Fischerische Postunternehmen — das geheime Vehikel der österreichisch-fremditalienischen Frankreichpost — aufs innigste mit den österreichischen Postinteressen verknüpft. Noch ehe aber dieser Postvertrag abgeschlossen war und kaum zwei Monate nach seiner Unterzeichnung ergaben sich Zwischenfälle, die seinen Wert erheblich verminderten. Mit 1. Mai 1816 war nämlich unter dem Einflüsse der den Bernern feindlich gesinnten Waadter die Walliser Postpacht den Fischern verloren und auf drei von Frankreich subventionierte Walliser Postunternehmer übergegangen, wodurch der Fischerische Postkurs Mailand— Bern auf eine weite Strecke hin unterbrochen wurde. Und die Walliser brannten darauf, sich ihrer Postlinie nun selbst zu bedienen und sich die Einkünfte derselben nicht mehr entgehen zu lassen. Im Sommer 1817 hat Lilien auf der Reise nach Paris selbst in diesen Streit eingreifen und persönlich gegen die posthungrigen Walliser und Waadter Stellung nehmen müssen. Noch gab er sich der Hoffnung hin, daß sich beide am Ende doch nicht getrauen würden, die Sicherheit des Fischerischen Postkurses zu gefährden. Inzwischen war — anfangs August 1816 — ein den eben abgeschlossenen geheimen Postvertrag betreffender, nach Wien gerichteter Berner Brief auf dem Wege durch Bayern interzipiert worden, und die bayrische Regierung hatte nicht gezögert, die Kunde von diesem Geheimvertrage alsbald durch die Zeitung verbreiten zu lassen7). Das war ein neues, kaum geringeres Mißgeschick für die Fischer und ihren Postkurs. Denn nun schöpfte Sardinien Verdacht und berief sie sogleich zu neuen Verhandlungen über den Simplontransit nach Turin. Mit ihnen aber fanden sich auch die Walliser und Waadter dort ein und stritten ränke- und listenreich um die vielbegehrte Postlinie8). Wohl gingen die Fischer als Sieger aus diesem wenig rühmlichen Wettkampfe hervor. Allein der neu verliehene Simplontransit, den sie nach Bern heimbrachten, unterschied sich wesentlich von dem alten. Denn längst hatte inzwischen Sardinien die Situation erfaßt und zwei der wichtigsten Konzessionspunkte mit Vorbedacht ausgeschieden: der neue Vertrag war auf fünf Jahre befristet und das Fischerische Postpaket der Kontrolle der sardinischen Postmeister unterworfenö). Besser schnitten die Berner mit ihren Vorschlägen über die Verlegung des Unter4) M. H e n r i o u d, Les anciennes postes valaissances 33 f. 5) Weisung nach Bern 17 III 24 Schweiz, Nachträge. 8) Urkunden (Bittner n. 1800). ’) Lilien an Hudelist 16 VIII 7, IX 19 Schweiz, Nachträge. 8) Bericht aus Turin 16 XI 5 Sardinien, adm. Reg. 3; M. Henrioud, Wallis 35. °) Bericht Liliens 17 VI 28 Schweiz, Nachträge; J. Ra ul ich, Storia del risorgi- mento 1, 83. 69