J. K. Mayr: Inventare Teil 5. Band 3. Metternichs geheimer Briefdienst. Postlogen und Postkurse (1935)
II. Die Postkurse - C. Der Kampf um Italien
Das war um so mißlicher, je argwöhnischer ihm nun Consalvi entgegentrat. Nie noch hatte ihn Lebzeltern so vorsichtig und zurückhaltend gesehen wie damals, da er Liliens Absichten eben noch rechtzeitig durchblickt hatte. Consalvis Gegenvorschlag vermochte Lilien noch abzuwehren. Dann aber mußte er die Segel streichen9). Der Postvertrag, den er am 7. Oktober i8ij nach langwierigen Verhandlungen und einem halben Dutzend verschiedener Entwürfe endlich abschließen konnte10), war mehr ein Posttarif denn eine Postkonvention und ließ die wichtigsten Streitfragen unentschieden. Zudem entkleidete ihn Consalvi, um die anderen Staaten nicht auf ihn aufmerksam zu machen, aller bei Staatsverträgen sonst üblichen Förmlichkeiten. Finanziell war der Postvertrag nicht ungünstig, politisch ließ er alles zu wünschen übrig. Das war nun freilich eine empfindliche Schlappe, zumal sie nur wenige Monate hinter jener ersten Niederlage zurücklag, die die Aufgabe des römischen Postamtes bedeutet hatte. Und fiel damit zugleich auch die Österreich zugedachte Oberleitung des italienischen Postverkehrs hinweg, dann war zu befürchten, daß die italienischen Staaten gemeinsame Sache machen und Österreich um den größten Teil ihrer Auslandkorrespondenz bringen würden. In dieser kritischen, zum Teil wohl von ihm selbst verschuldeten Lage griff Lilien auf seine alten Pläne vom Juli 1814 zurück. Österreich sollte auf der Grundlage seiner durch die Erwerbung Lombardo-Veneziens neu gewonnenen Machtstellung für die Länder südlich der Alpen und für die Inseln des Mittelmeeres dieselbe beherrschende Stellung im Auslandkorrespondenzverkehr derselben gewinnen, die es für die Türkei und die Levante schon seit Jahrhunderten besaß. Ein Familienpachtvertrag mit den habsburgischen Regentenhäusern in Parma, Modena und Toskana — auch mit dem kleinen, von der modenesischen Herzoginwitwe Maria Beatrix regierten, den nordwestlichen Straßenzug beherrschenden Herzogtum Massa-Carrara — brachte die wichtigsten norditalienischen Postverwaltungen in einer fast ununterbrochenen Kette vom Mittelmeer bis zur Adria unter österreichische Leitung. Noch war jedoch Metternich viel zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, als daß er imstande gewesen wäre, diese Pläne sogleich in die Tat umzusetzen. Er mußte dies vielmehr bis zur Ankunft des Kaisers in Italien verschieben, zumal diesem dabei eine wichtige Rolle zugedacht war. So setzte Metternich zunächst seine Eloffnung auf die österreichische Feldpost und legte die Einrichtung derselben in Liliens Hände. Auch hatte Lilien bis zur Ankunft des Kaisers eine Denkschrift über sein italienisches Postsystem auszuarbeiten. Voll Zuversicht bekannte sich nun Metternich zu dessen Vorchlägen: „nous coupons ITtalie en deux et nous sommes maitres“11). Als Kaiser Franz im Jänner 1816 in Mailand eintraf, lag Liliens Denkschrift Metternich bereits vor12). Sie fußte, wie wir wissen, auf dem Plane einer norditalienischen Postbarriere, die die Staaten Mittel- und Süditaliens unter österreichische Posthoheit brachte und Sardinien, Frankreich und Spanien zu weitreichenden Postkonzessionen zwang. In sieben inhaltsreichen Protokollen haben Mercy und Lilien im Jänner und Februar 1816 in Mai9) Bericht aus Rom 15 X 7 Rom 8; Lilien über die röm. Posten 16 V Rom 10. 10) Urkunden (Bittner n. 1740). 1:t) Mett, an Saurau 15 VII 22 Notenwechsel ad Hofkammer 143 b. 12) Bericht Liliens 15 XII 4 Notenwechsel ad Hofkammer 143 b.