J. K. Mayr: Inventare Teil 5. Band 3. Metternichs geheimer Briefdienst. Postlogen und Postkurse (1935)
II. Die Postkurse - D. Der Kampf um Rußland
wohl als auch die Bank- und Handlungshäuser in West- und Südeuropa — auch in Italien und namentlich in Sardinien — mit Vorliebe bedienten. Denn von Paris korrespondierte man über Berlin in 14 Tagen mit St. Petersburg, während man dazu von Wien aus 12 bis 17 Tage über Berlin, auf der österreichisch-russischen Strecke aber 27 bis 30 Tage brauchte5 6). Selbst die Turiner Briefschaften erreichten trotz des Umweges über Paris und Berlin um 2 bis 3 Tage früher ihr Ziel als auf der viel kürzeren Strecke über Wien8). Wo immer es anging, strömten, unter Deckadressen verborgen, auch die österreichisch-russischen Korrespondenzen dem preußischen Postwege zu. Begreiflich, daß unter solchen Verhältnissen die russische Postverwaltung an dem Postvertrage mit Preußen festhielt, das eine so außerordentliche Tatkraft bei der Organisation und dem Betriebe seiner Auslandpostkurse entfaltete und — just wie Sardinien — mit Postkommissären und Tarifermäßigungen sofort zur Stelle war, wenn Österreich mit der Reform seiner galizischen Postkurse Ernst machen wollte7). Schon im Oktober 1814 hat Lilien auf die Notwendigkeit verwiesen, sich der Rußlandpost zu bemächtigen und den preußischen Nebenbuhler aus dem Felde zu schlagen. Und jahrzehntelang hat er für den kürzeren und billigeren österreichischen Postweg gekämpft. Dieser führte von Wien über Lemberg nach Brody und fand in Radsiwilow Anschluß an die russische Postlinie. Gerne hätte man ihm die alte, bis zur französischen Okkupation quer durch Polen unterhaltene Transitroute über Krakau, Brest und Wilna vorgezogen, doch ließ dies die polnische Postverwaltung nicht zu. So mußte man bei der galizischen Postlinie bleiben und sie so auszugestalten trachten, daß sie den Postverkehr mit Südrußland, ja selbst mit Moskau zu vermitteln imstande war. Sie um mindestens vier Tage zu beschleunigen, erschien dem österreichischen Gesandten in St. Petersburg als unerläßlich, wenn Preußen auf den nordrussischen Postbereich beschränkt werden, seine südrussische Korrespondenz aber über Österreich beziehen sollte, während es Wien mit den nordrussischen Briefschaften versorgte8). Den österreichischen Bemühungen entsprechend, hat Rußland in der ersten Hälfte der Zwanzigerjahre zwei, später drei Wocheneilpostkurse bis Radsiwilow einrichten und dieses auch mit Odessa in Verbindung setzen lassen. 1830 ist zwischen Czernowitz und Nowosielica eine zweite Postverbindung im Anschlüsse an die Postlinie nach Jassy eingerichtet worden9). Mit dem Fortschreiten dieses Reformwerkes hat Lilien auch die ausländische Transitpost nach und von Rußland — namentlich die sardinische und französische — zurückzugewinnen gehofft. Anders als mit den übrigen Staaten sind die Postverhandlungen mit Rußland unmittelbar von dem österreichischen Gesandten in St. Petersburg geführt worden. Einen ersten, mißglückten Versuch hat er in den Jahren 1817 bis 1819 unternommen. Als Polen — noch 1819 — mit ähnlichen Vorsdxlägen an den Wiener Hof herantrat und auch die russische Regierung günstigere Dispositionen zu verraten schien, hat man sich dieser 5) Bericht aus St. Petersburg 17 XI 11 (Anm. 3). 6) Bericht aus St. Petersburg 27 VII 18 Rußland 13. 7) Bericht aus St. Petersburg 21 III 14 Rußland 24. 8) Bericht aus St. Petersburg 21 VIII 31 Rußland 24. 9) Note von Hofkammer 30 XI 19 Notenwechsel 70.