J. K. Mayr: Inventare Teil 5. Band 3. Metternichs geheimer Briefdienst. Postlogen und Postkurse (1935)

II. Die Postkurse - D. Der Kampf um Rußland

neuerdings zu nähern versucht. Die alte polnische Transitroute sollte er­neuert und ihr über Brody und Husiatyn je ein Nebenpostarm angeschlossen werden. Kürzere Fahrzeiten und finanzielle Zugeständnisse konnten — so hoffte man in Wien — ihre Wirkung auf die russische Postverwaltung nicht verfehlen und sie zur Abtretung des Korrespondenzverkehres mit Süddeutsch­land, der Schweiz, mit Südfrankreich und ganz Italien bestimmen. Den polnischen Posten diesen Briefverkehr zur Vermittlung zu überlassen, hat Lilien aus prinzipiellen Gründen abgelehnt. Nicht minder aber hat er sich vor unmittelbaren Postverhandlungen mit Warschau in acht genommen. Der Vorrang mußte doch Rußland gewahrt und Rußland mußte es über­lassen bleiben, sich quer durch Polen eine unmittelbare Postverbindung mit Österreich zu bahnen. Schon glaubte Lebzeltern, der österreichische Gesandte in St. Petersburg, ein Nachlassen des preußischen Einflusses und eine vorteilhafte Wendung in den Auffassungen der russischen Postverwaltung wahrnehmen zu können. So oft er aber diese zum Abschlüsse eines Postvertrages drängte, brach die alte russisch-polnische Rivalität immer aufs neue hervor und ließ jede Post­verbindung, an der auch Polen teilhatte, als unausführbar erscheinen: Ruß­land wollte und Österreich durfte nichts mit Polen zu tun haben. Schon hatte auch Preußen inzwischen einen Postkommissär nach St. Petersburg ge­sendet, der Tarifverbesserungen anbot und alle Bemühungen Lebzelterns durchkreuzte10). Damit waren die Postverhandlungen aufs neue unter­brochen. Wohl suchte nun Lebzeltern an Polens Stelle Preußen einzuschalten und das russische Postgebiet mit diesem zu teilen, auch die galizische Post­linie zur größtmöglichen Eile anzuspornen. Aber schon 1822 mußte es die Hofkammer als ein Ding der Unmöglichkeit bezeichnen, es den preußischen Postlinien gleichzutun, wie ungern auch Lebzeltern daran glauben wollte11). Im selben Maße aber, in dem die galizische Postroute hinter der preußischen zurückblieb, mußte sich die preußische Komponente des russischen Korrespon­denzverkehres gegenüber der österreichischen entwickeln. Nochmals hat Peter 1827 den russisch-österreichischen Postverbindungen sein Augenmerk zuge­wendet und wieder ist er damals auf den polnischen Posttransit als auf den einzig gangbaren Ausweg verfallen. Auch Metternich hat sich erneut dafür in St. Petersburg eingesetzt, den russischen Widerstand aber auch diesmal nicht überwinden können. So drohte am Ende der Zwanzigerjahre „der gänzliche Verfall unseres Postkurses mit Rußland“12). Zu Beginn der Vierzigerjahre sind die ersten Postverträge mit Polen und Rußland abgeschlossen worden. Die Veränderungen, die seit 1833 in der polnischen Postverwaltung eingetreten waren, machten diese den öster­reichischen Wünschen zugänglicher. Sie verpflichtete sich in dem am 7. März 1840 mit der Obersten Hofpostverwaltung ohne Mitwirkung der Staats­kanzlei abgeschlossenen Postvertrage13), alle Auslandbriefe, die der geogra­phischen Lage nach auf den kürzesten Routen durch Österreich befördert werden konnten, an dieses auszuliefern und kam dem österreichischen Wunsche 10) Bericht aus St. Petersburg 21 III 14 (Anm. 7). **) Bericht aus St. Petersburg 22 V 21 Rußland 2; Note von Hofkammer 22 VII 24 Notenwechsel jj. 12) Bericht aus St. Petersburg 28 I 15 Rußland ij. 13) Finanzarchiv 3016/PP aus 1840. Mayr, Metternichs geheimer Briefdienst. 8 IO

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