J. K. Mayr: Inventare Teil 5. Band 3. Metternichs geheimer Briefdienst. Postlogen und Postkurse (1935)

II. Die Postkurse - D. Der Kampf um Rußland

dafür einzuschalten, hat Sardinien nur einmal vergeblich versucht. Es gab dadurch Österreich Anlaß zur weiteren Vermehrung der Hüninger Postkurse. Deutlich trägt der Märzvertrag des Jahres 1844, der Sardinien selbstän­dige Postwege nach Deutschland und ganz Oberitalien erschlossen hat, die Spuren der Kämpfe an sich, die sich darüber entwickelt haben. Die wichtig­sten Bestimmungen über die sardinische Auslandkorrespondenz sind doppelt formuliert worden: in der Tabelle des Hauptvertrages war, dem österreichi­schen Standpunkt gemäß, sowohl die Schweizer Postlinie als auch der Transit­punkt Mailand aufrechterhalten, beide aber im Separatartikel, den sardini- schen Forderungen entsprechend, wieder ausgeschaltet worden. D. Der Kampf um Rußland. So wie Sardinien Österreich die fremditalienisch-französische hat Preußen ihm die russische Korrespondenz streitig zu machen gesucht1). Auch sein Einfluß in St. Petersburg und die Methoden, mit denen es ihn begründete und verteidigte, lassen sich mit dem Ansprüche und den Mitteln vergleichen, die Sardinien bezüglich der Apenninenhalbinsel erhoben und angewendet hat. Der preußischen Vormachtstellung auf dem Gebiete des russischen Postwesens2) war es zuzuschreiben, daß der österreichisch-russische Korrespondenzverkehr — selbst der mit Südrußland, den Preußen Österreich einräumte — noch in den Vierzigerjahren lediglich auf dem Herkommen beruhte. Preußen allein war es gelungen, die geheimnisvolle Zurückhaltung der russischen Regierung, die sich — sehr zum Verdrusse Österreichs — bis auf die nebensächlichsten Angelegenheiten der Staatsverwaltung erstreckte, zu durchbrechen und 1821 einen Postvertrag abzuschließen. Allen anderen Staaten, selbst Polen, das damals über eine vollkommen selbständige Post- administration verfügte, ist Rußland mit imverhohlenem Mißtrauen begegnet. Es mag wohl der reiche Ertrag des russischen Postregals — 3 bis 4 Millionen Rubel im Jahr — gewesen sein, der die russische Postverwaltung in allen Anknüpfungsversuchen Österreichs nichts anderes als finanzielle Spekulationen hat erblicken lassen. Die Sonderstellung, deren sich das preußische Postwesen in Rußland erfreute und die ihm fast die gesamte Auslandkorrespondenz mit St. Petersburg und den Ostseestädten zuführte, war mit beträchtlichen kommerziellen und politischen Vorteilen verbunden. Kein Wunder also, daß Preußen alles daransetzte, seine Überlegenheit im russischen Postwesen um jeden Preis aufrechtzuerhalten. So kam es, daß die österreichische Post über Lemberg um zehn Tage und mehr hinter jenen Korrespondenzen zurückblieb, die ihren Weg von Wien über Berlin nach St. Petersburg nahmen3). Auch ließ die Regelmäßigkeit der österreichischen Postverbindung viel zu wünschen übrig. Die Wiener Post hatte nicht selten eine achttägige Verspätung, während sich die Berliner Post und die von ihr beförderten französischen und englischen Korrespondenzen nie um mehr als um höchstens 24 Stunden verzögerten4). Diese Überlegen­heit der preußischen Posten führte dazu, daß sich ihrer die Diplomaten so­J) H. S t e p h a n 1. c. 557 ff. 2) Archiv f. Post u. Telegr. 1889 S. 681 ff. 3) Bericht aus St. Petersburg 17 XI 11 Rußland 19. 4) Bericht aus St. Petersburg 27 XII 11 Rußland 13. III

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