J. K. Mayr: Inventare Teil 5. Band 3. Metternichs geheimer Briefdienst. Postlogen und Postkurse (1935)
II. Die Postkurse - C. Der Kampf um Italien
schiffen, die schon 1843 mehr als fünfhundertmal im Jahre den Hafen von Livorno anliefen. Pistoj versagte sie jegliche Unterstützung und Pescetti, sein Postoffiziant, dem die Auswahl der Briefe oblag, geriet gleich seinen Kollegen (S. 18) immer tiefer in fremden Sold und Dienst59). Schon dachte man in Wien an eine „Epurierung“ des toskanischen Logenpersonals und an die Einstellung österreichischer Logisten, als die Einführung der Preßfreiheit die Aufhebung der toskanischen Postlogen bewirkte. Pistoj behielt seine Sonderzulage, die übrigen Logisten aber wurden über Metternichs Auftrag zu Ende des Jahres 1847 mit einem Jahresgehalte abgefunden. 6. Der Durchbruch Sardiniens. Der Postkrieg, der Österreich und Sardinien nun schon seit langem in Atem hielt, ist auf mehreren Schauplätzen geführt worden. Der eine betraf die Korrespondenzvermittlung zwischen Fremditalien und Frankreich, u. zw. teils auf dem Flügel Neapel—Rom—Toskana, teils auf der Linie Marken— Legationen—Modena—Parma. Der andere Schauplatz betraf die Herstellung einer direkten Postverbindung zwischen Sardinien und Deutschland, u. zw. teils auf dem Flügel Bern—Schaff hausen, teils auf der Linie Tessin—Graubünden. Welchen Verlauf die Dinge auf dem westlichen Flügel des italienischen Kriegsschauplatzes genommen haben, ist schon erzählt worden. Hier handelt es sich um den Durchbruch, den sich Sardinien an den anderen Flügeln — durch die Schweiz und südlich des Pos —- erkämpft hat. Auf dem nordwestlichen Flügel der Schweizer Transitkantone hat Sardinien schon 18x7 über Genf und Bern Fühlung mit Deutschland zu gewinnen versucht. Auch Zürich ist in diesem Zusammenhänge in Betracht gezogen worden. Wie weit sich Sardinien und Bayern, die eifrigsten Gegner des Kaiserstaates, schon 1818 einander genähert haben und welche Opfer Österreich zur Störung dieser Beziehungen hat bringen müssen, davon war gleichfalls schon früher die Rede (S. 71). Der Postvertrag, den Österreich im November 1818 mit Schaffhausen eingegangen ist (S. 53), war nicht zuletzt als ein Riegel gedacht, den der Kaiserstaat den sandinischen Ausdehnungsbestrebungen hier im Nordosten vorzuschieben suchte. Der Wechsel, den die Fischer um die Wende des Jahres 1820 aus dem österreichischen ins sardini- sche Lager vollzogen haben, hat die Gefahr eines Durchbruches Sardiniens an diesem Frontabschnitt aufs höchste gesteigert. Schon nahmen die Fischer die Anbahnung einer direkten Postverbindung zwischen Sardinien und Süddeutschland in die Hand und wußten sie so sehr zu fördern, daß man schon im September 1821 die Befürchtung hegen konnte, es werde sich über Turin, Genf, Bern und Schaffhausen bald ebenso rasch mit Deutschland korrespondieren lassen wie über die Ostschweiz und über Tirol1). Eine ähnlich lebhafte Tätigkeit hat Sardinien längs des Lago Maggiore nach dem Tessin und nach Graubünden hin entwickelt. Schon 1817, als Österreich Graubünden durch die Sperre der Splügenlinie vor den Kopf stieß (S. 54), war Sardinien bereit, es auf seine Seite zu ziehen und über Locarno, Bellinzona, den S. Bernardin, Chur und St. Gallen Anschluß an * *) 59) Pistoj an Mett. 41 XII 24 Interzepte 61; Berichte aus Florenz 44 XII 17, 45 I 10 Interiora 72. *) Bericht aus Rom 21 IX 17 Rom (adm.) 2; Note an Hofkammer 23 VI 3 Notenwechsel 28. 107