J. K. Mayr: Inventare Teil 5. Band 3. Metternichs geheimer Briefdienst. Postlogen und Postkurse (1935)
II. Die Postkurse - C. Der Kampf um Italien
zwischen Genua und dem Kirchenstaate in Verkehr setzen. Einen entscheidenden Antrieb haben diese Bestrebungen durch die Entwicklung der von England ausgehenden Dampfschiffahrt erfahren. Seit 1824 verkehrten Dampfschiffe zwischen Neapel und Sizilien, ein sardinisches Dampfboot befuhr nach dem Beispiele der schweizerischen Seeverkehrsunternehmungen3) seit 1828 den Lago Maggiore, eine österreichische Dampfschiffahrtsgesellschaft gleich der auf der Donau empfahl zwei Jahre später Lilien für den Bodensee4), 1832 und früher bewarb sich Baron Cajetan Testa um ein Dampfschiffahrtsprivileg für den Po. Wichtiger waren die Bemühungen einer englischen Gesellschaft, die sich 1825 zur Einrichtung von Dampf Schleppern zwischen Fiumicino und Rom sowie im Mittelmeere und darüber hinaus zur Eröffnung einer Dampfschiffverbindung zwischen Marseille, Genua, Livorno, Civitavecchia und Neapel erbötig machte5). Zwei Jahre später ist dieser Plan von Frankreich aufgegriffen worden. 1830 verkehrten bereits französische Dampfboote zwischen Toulon und Corsica. Im selben Jahre näherte sich auch die Dampfschiffverbindung zwischen Marseille und Civitavecchia der Verwirklichung. Noch im Dezember 1830 hat sie Graf Sebastiani, der neue französische Außenminister, Lilien während der Pariser Postverhandlungen und im engsten Zusammenhänge mit diesen offiziell zur Kenntnis gebracht, und schon im Frühjahr 1831 liefen drei französische Dampfschiffe zwischen Marseille und Neapel—Sizilien. Das war das Werk Casimir Périers, des Handels- und Finanzministers des alten Regimes, des ersten Ministerpräsidenten der Julimonarchie, das nach dessen Tod Adolf Thiers als Handelsminister zielbewußt fortsetzte. Bald wurde auch die Ausdehnung dieser Dampferlinie bis Konstantinopel ins Auge gefaßt. Der Impuls dazu ging von dem französischen Gesandten dortselbst sowie von dem Admiral der französischen Levante- escadre Hugón und von verschiedenen französischen Handelsleuten in der Türkei aus, die den französischen Levantehandel wieder auf die alte, seit dem Ende des 18. Jahrhunderts nicht wieder erreichte Höhe bringen wollten. Zunächst aber haben diese Vorschläge, die auf die Gründung einer Aktiengesellschaft abzielten, in Frankreich noch keinen Widerhall gefunden. Man begnügte sich mit der Einsetzung einer Studienkommission6). Unterdessen griff der neu erwachte Spekulationsgeist auf England über. Die Gefahren dieser Entwicklung sind Metternich und seinen Diplomaten nicht entgangen. Beklagte Graf Lebzeltern, der österreichische Gesandte in Neapel, die vermehrten Berührungsmöglichkeiten, die sich daraus ergaben, so wandte sich Metternich unmittelbar gegen den Brief- und Schriftenschmuggel, dem diese Dampfschiffe dienten. Und je mehr sie damit den Landbriefverkehr und das österreichische Postlogensystem gefährdeten, um so lauter erhob er bald in Rom, bald in Turin und Florenz seine warnende Stimme, wobei er auch das postfiskalische Interesse dieser Höfe ins Treffen führte. Auch König Ferdinand II. von Neapel trat den französischen Dampfschiffen entgegen, für die Frankreich besondere Privilegien und den gesamten 3) W. O e c h s 1 i 1. c. 2, 509 f. 4) Note an Hofkammer 30 IV 11 Notenwechsel 34; V. Matthias 1. c. 2, 16. 5) Bericht aus Rom 25 VI 1 Rom (adm.) 9. 6) Weisung nach Paris 35 IV 10 Frankreich 423; Bericht aus Paris 35 V 7 Frankreich 421; Bericht aus Neapel 36 IX 16 Neapel 63. Mayr, Metternichs geheimer Briefdienst. 7 97