Lothar Groß: Inventare Teil 5. Band 1. Die Geschichte der deutschen Reichshofkanzlei von 1559-1806 (1933)
I. Die allgemeine Entwicklung der Reichskanzlei von 1559-1806 - 4. Die Kanzleiverträge von 1742 und 1745 und ihr Einfluß auf die Kanzleiverhältnisse
Wahl besser zu sichern, als dies 1711 geschehen war. Er richtete daher schon am 27. Oktober an den Reichsvizekanzler Metsch und an den diesem seit dem Jahre 1737 beigegebenen Substituten Grafen Rudolf Colloredo dringliche Aufforderungen, die „monita“ der Reichskanzlei für die künftigen Wahlkapitulationsverhandlungen vorzubereiten 28°). Für die Wiener Hofkreise hinwiederum war das Interregnum nur ein neuer willkommener Anlaß, die Reichskanzlei zu drücken und ihr möglichst viele Hindernisse in den Weg zu legen. So wurden nicht nur der Ausfertigung der noch von Karl VI. resolvierten Gratial- und Judizialsachen mittels einer Stampiglie der kaiserlichen Unterschrift, einer bei jedem früheren Interregnum beobachteten Übung, große Schwierigkeiten gemacht, sondern man setzte sich auch über die Privilegien der Reichskanzleibeamten, besonders über die ihnen zustehende Mautfreiheit hinweg281). Der Hofkanzler Sinzendorf, der sich auch jetzt wieder als ein Verfolger der Reichskanzlei erwies, öffnete ihre Post und der Reichshofratspräsident Wurmbrand tat auch das Seinige, um der Reichskanzlei zu schaden 282). Erst zu Beginn des Jahres 1741 konnten die Ausfertigungen mit der Stampiglie vorgenommen werden 28S). Zu diesen Schwierigkeiten kam noch, daß die Reichskanzlei alsbald ohne Führung dastand, da Colloredo zur Betreibung der Wahl Franz Stephans an verschiedene Höfe gesandt wurde und Metsch schon am 28. November 1740 starb. Die lange Dauer des Interregnums, während dessen die Tax- einnahmen völlig versiegten, gestaltete sehr bald auch die finanzielle Lage der Kanzlei katastrophal. Im August 1741 klagten die Beamten darüber, daß sie schon das zweite Quartal ohne einen Kreuzer Gehalt wären 284). Man war gezwungen, eine Anleihe für die Kanzlei aufzunehmen 285). Philipp Karl von Mainz, der sich schon 1732 gegen eine bedeutende Rente verpflichtet hatte, für den Gemahl Maria Theresias bei der künftigen Kaiserwahl einzutreten, stand bis in den Hochsommer 1741 auf Seiten Österreichs. Erst Ende August wich er unter dem Drucke Frankreichs und Preußens von seiner bisherigen Politik und entschloß sich, nun ebenfalls für Karl Albert von Bayern zu stimmen 28a). Sein Bestreben mußte nun sein, nicht nur die Kanzlei, sondern vor allem auch das Reichsarchiv aus Wien fortzuschaffen. Zu diesem Zwecke richtete 2S0) Mzer. Wahl- u. Krön. A. 37. 281) Mzer. Wahl- u. Krön. A. 37: 1740 Okt. 26. berichtet der Referendar Teuber an den Gfn. Eltz über die schwierige Lage der Reichskanzlei, besonders über die Schwierigkeiten, die aus „Personal-Argwohn“ wegen der Stampiglie bereitet werden; 1740 Okt. 29 berichtet der Registrator Alpmanshoven über den Entzug der Mautfreiheit. Hierüber auch eine Beschwerde i. Mzer. R. K. ji. Man wollte damals mehrere Fässer Rheinwein, die Kanzleibeamte von ihrem eigenen Gewächs nach Wien hatten bringen lassen, nicht mautfrei hereinlassen. 2S2) Mzer. Wahl- u. Krön. A. 38: 1741 März 4. Teuber an Colloredo über Wurmbrand. 283) Erst am 28. Dez. 1740 berichtete der Taxator Gudenus, daß endlich mit der Stampiglie gearbeitet werden soll; Mzer. Wahl- u. Krön. A. 37. 284) Mzer. Wahl- u. Krön. A. 38; Memorial d. Beamten i. Schreiben Glandorffs v. j. Aug. 1741. 285) Im Oktober 1741 fanden Verhandlungen mit dem kaiserl. Rat Wiesenhütter in Frankfurt a. M. über ein Darlehen von 40.000 fl. statt; Mzer. Wahl- u. Krön. A. 38. 28e) Vgl. hiezu K. Th. H e i g e 1, Der österr. Erbfolgestreit u. die Kaiserwahl Karls VII., 62 f. u. 176 ff. 77