Lothar Groß: Inventare Teil 5. Band 1. Die Geschichte der deutschen Reichshofkanzlei von 1559-1806 (1933)

VI. Biographische Daten und Betätigung der einzelnen Beamten - 2. Sekretäre der deutschen Expedition

bald am kaiserlichen Hofe in allen Reichssachen eine führende Rolle ge­spielt. Die Vorbereitung des Reichstags von 1597 wurde von ihm durch­geführt, er arbeitete eine Denkschrift darüber an den geheimen Rat aus und war auch 1597 wieder persönlich auf dem Reichstage tätig183). Die Zahl der von ihm konzipierten Schriftstücke, die durch seine charakteri­stische kräftige und wenig schöne Schrift leicht kenntlich sind, ist sehr groß. Schon eine flüchtige Durchsicht der von S t i e v e herausgegebenen Briefe und Akten, in denen zahlreiche von Hannewald konzipierte Stücke ange­führt werden, genügt, um sich ein Bild über seine konzeptive Tätigkeit zu machen. Seit 1601 wurde er auch wiederholt vom Kaiser in diplomatischen Missionen ins Reich entsandt, so zu Herzog Maximilian nach München, mit dem auch Hannewald wie sein Kollege Barvitius in guten Beziehungen stand 184). In den ersten Jahren des 17. Jahrhunderts entwickelte er sich, besonders unter dem Reichsvizekanzler Coraduz, immer mehr zu einer der führenden Persönlichkeiten am Hofe Rudolfs und gewann zweifellos schon damals einen gewissen Einfluß auf den Kaiser. Wenn er vom Hofe ab­wesend war, klappte es mit der Erledigung der Reichsangelegenheiten nicht185). Anläßlich des Reichstages von 1603 nennt ihn das Mainzer Reichstagsprotokoll den Direktor der Reichskanzlei und die bayrischen Ge­sandten berichten zur gleichen Zeit, daß durch ihn „derzeit schier alles dirigiert wird“186). Hannewalds politische Rolle müßte ebenso wie die seines Amtsgenossen Barvitius eingehender untersucht werden. Wir müssen uns hier mit einigen kurzen Hinweisen begnügen 187). In seiner amtlichen Stellung war schon 1598 insoferne eine Änderung eingetreten, als er seither als Reichshofrat erscheint. Den Höhepunkt seiner Stellung erreichte Hanne­wald, als er im Dezember 1606 nach dem — allerdings nur vorübergehen­den — Sturze des Barvitius zum geheimen Rat ernannt wurde188) und nunmehr in ständigen engen Verkehr mit dem Kaiser trat, der, nur durch ganz kurze Perioden kaiserlicher Ungnade unterbrochen 189), eigentlich bis zum Tode des Kaisers andauerte. Mit Stralendorff, mit dem er sich im übrigen aber nicht gut verstand, war er das Haupt jener streng katholi­schen Gruppe, die für scharfe Maßnahmen gegen die Protestanten war und beherzter und leidenschaftlicher als Stralendorff war er unentwegt in diesem Sinne tätig 19°). Die folgenden Jahre wurde Hannewald vom Kaiser wieder­holt zu verschiedenen Reichsfürsten entsandt191), während er von den eigentlichen Sekretärgeschäften nach seiner Ernennung zum geheimen Rate durch Hertel entlastet wurde. Die Jahre zwischen 1606 und 1608 wurden 183) Vgl. S t i e v e, Briefe u. Akten 5, 269 f. u. 360. 184) Vgl. ebda. 559. m) Vgl. ebda. 723, Anm. 3. 18e) Vgl. ebda. 616. ,87) Reiches Material bei S t i e v e. 188) Der geh. Rat hatte schon am 27. Febr. 1603 auf Bitte H.s beschlossen, dem Kaiser vorzuschlagen, H. Session und Votum im geh. Rat zu verleihen. Es hing dies mit den wiederholten Bestrebungen H.s nach Enthebung von seiner Sekretärstelle und Ent­lastung von seinen großen Arbeitsverpflichtungen zusammen. Anscheinend willfahrte jedoch Rudolf damals dieser Bitte noch nicht, da übereinstimmend erst 1606 die formale Er­nennung H.’s zum geh. Rat gemeldet wird. 189) So im Juni 1607, vgl. Stieve 5, 821. 19°) Vgl. Stieve, Ursprung des Dreißigjähr. Krieges 1, 51. m) Vgl. Stieve 5. 376

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