Lothar Groß: Inventare Teil 5. Band 1. Die Geschichte der deutschen Reichshofkanzlei von 1559-1806 (1933)

VI. Biographische Daten und Betätigung der einzelnen Beamten - 1. Die Reichsvizekanzler

und mußte den Platz räumen. Er erhielt jedoch von seinem Nachfolger: eine finanzielle Entschädigung, indem ihm Colloredo am 22. Sep­tember 1745 versprach, fünftausend Dukaten sofort nach Empfang des kurfürstlichen Präsentationsschreibens und weitere 15.000 fl. bis zum Ende des Jahres 1746 zu bezahlen 370). Bis April 1747 hatte auch Königsfeld den ausbedungenen Betrag bis auf 3000 fl. erhalten. Er und mit ihm die beiden Referendare Schneid und Teuber erhoben jedoch dann neue Ansprüche, die sich nicht nur auf Auszahlung rückständigen Gehaltes bezogen, sondern auch auf die Subskriptionsgebühren für alle unter Königs­feld resolvierten Expeditionen, besonders aber auf die Hälfte der bei den Thronbelehnungen fälligen Lehenstaxen, die man unter Franz I. in der doppelten Höhe einzuheben begann, da viele Lehen unter Karl VII. nicht empfangen worden waren. Diese Forderungen bildeten in den nächsten Monaten den Gegenstand lebhafter Streitigkeiten, die der Erzkanzler am 24. April 1748 dahin entschied, daß die Ansprüche Königsfelds und der Referendare auf die Lehensjura abgewiesen, die übrigen Forderungen aber bewilligt wurden 371). Königsfeld und seine Genossen wollten sich damit nicht zufrieden geben und ersterer, der am Münchener Hofe einer der ein­flußreichsten Minister geblieben war, betrieb in der Sache einen kur- bayrischen Rekurs an den Reichstag. Erst sein Tod am 16. November 1750 machte der ganzen Angelegenheit ein Ende. Graf Rudolf Josef C o 11 o r e d o - Meis und Waldsee, der nach Königsfelds Rücktritt nunmehr am 23. September 1745 vom Erzkanzler dem Kaiser offiziell präsentiert wurde, war, wie wir schon wissen, vom 27. Mai 1737 bis 28. November 1740 Substitut des Vizekanzlers Metsch gewesen und hatte dann bis zu seiner Resignation im Januar 1742 als Vize­kanzler fungiert. Rudolf Colloredo, der am 6. Juli 1706 zu Prag geboren war, hatte schon in sehr jungen Jahren eine glänzende Karriere gemacht. Man wird kaum fehlgehen, wenn man seinen raschen Aufstieg dem Ein­flüsse seines Schwiegervaters, des Staatsministers Grafen Gundacker Star­hemberg, zuschreibt, wie dies auch A. F e 1 g e 1 in seiner Biographie Colloredos tut 372). Im Hinblick auf die dort gebrachten Daten dürfen wir uns hier im allgemeinen kurz fassen und nur auf die Bedeutung und Stellung Colloredos sowie seine Betätigung in der Kanzlei beschränken. Colloredo ist von seinen Zeitgenossen vielfach recht abfällig beurteilt worden. Von französischer wie von preußischer Seite liegen uns sehr ungünstige Schilderungen seines Charakters und seiner Fähigkeiten vor. Ein französisches Memoire aus dem Jahre 1736 sagt ihm sehr bescheidene geistige Anlagen, geringe Kenntnisse, Oberflächlichkeit in den Amts­geschäften, Eigensinn, großen Adelsstolz, Hochmut und starke Vergnü­gungssucht nach 373). Auch der preußische Gesandte Graf Podewils hält in seiner 1747 verfaßten Schilderung des Reichsvizekanzlers nicht viel von dessen Tüchtigkeit, nennt ihn aber einen offenen und großherzigen Cha- 37 37°) Abschrift des Übereinkommens R. K. Verf. A. 51 als Beilage zum Schreiben des Erzkzl. an Colloredo v. 17. März 1747. 371) R. K. Verf. A. 51. Vgl. zur ganzen Frage auch Kretschmayr, Reichsvizekanz­leramt 459, Anm. 3. 372) Allgem. deutsch. Biogr. 4, 420 ff. 373) Recueil des instructions données aux ambassadeurs de France 1, 265, Anm. 2. 23 353

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