Lothar Groß: Inventare Teil 5. Band 1. Die Geschichte der deutschen Reichshofkanzlei von 1559-1806 (1933)

VI. Biographische Daten und Betätigung der einzelnen Beamten - 1. Die Reichsvizekanzler

raktér, audi er erwähnt die Vergnügungssucht Colloredos 374). Vielleicht werden aber diese ungünstigen Urteile Colloredo doch nicht ganz gerecht. Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang das Urteil des Obersthof­meisters Fürsten Johann Jos. Khevenhüller über ihn 375), da dieser Mann Colloredos Studiengenosse war und ihn genau kannte und ihm allen Anschein nach ziemlich objektiv gegenüberstand. Auch Khevenhüller be­tont, daß Colloredo durch seinen Schwiegervater emporgekommen sei, sagt aber, daß Colloredo „nicht so schwach als man ihn haltet, sondern von einem schönen Iudicio und leichten Begriff seie“ und daß er überhaupt „eine sehr gute Art hat, also daß an jenen, was man tratto di cavaliere heißt, ihm nicht leichtlich jemand von unsern andern Ministern und Hof­herrn übertreffen wird“. Den Hang zu Vergnügungen erwähnt auch diese Schilderung. Khevenhüllers Urteil kommt dem des preußischen Groß­kanzlers Fürst aus dem Jahre 1755 sehr nahe, das gleichfalls von der leichten Auffassungsfähigkeit des Reichsvizekanzlers spricht, allerdings auch hervor- hebt, daß er das Vergnügen, Spiel, Weiber und Jagd mehr liebt als die Ge­schäfte 376). Colloredo erscheint so als der durchaus nicht unbegabte, leicht­lebige Kavalier, dem es aber einigermaßen an dem nötigen Ernst für sein Amt gebricht. Keine rühmliche Rolle spielte er nach der Wahl Karls VII. Daß er sich von Graf Königsfeld für den Rücktritt vom Vizekanzleramt finanziell entschädigen ließ, wird man ihm weit weniger zum Vorwurf machen dürfen 377), als daß er es bei seinen Versuchen, sich auch unter Karl VII. als Reichsvizekanzler zu behaupten, sehr an Würde fehlen ließ und in seinen Bitten und Erklärungen allzu weit ging 378). Bei Franz I. verstand es Colloredo, sich eine sehr gute Position zu schaffen, der Kaiser schätzte ihn, sah ihn zweifellos sehr gerne und verkehrte sehr viel mit ihm 379). Bei der Kaiserin stand er hingegen in keinem hohen Ansehen, wie schon Podewils bemerkte. Ihr war Colloredos Lebensführung un­sympathisch. Dem Kaiser gegenüber war Colloredo sehr vorsichtig. Als 1760 wegen der vom Kaiser gewünschten Ernennung des Hofrats Beck eine Verstimmung zwischen Kaiser Franz I. und dem Erzkanzler drohte, be-c mühte sich Colloredo lebhaft, in Mainz die Wünsche des Kaisers zu ver­treten und die ganze Sache dem Kurfürsten mundgerecht zu machen 38°). Der Mainzer Resident Brée betrachtete Colloredo auch stets als den Mann des Kaisers und empfahl dem Kurfürsten, den Reichsvizekanzler zu „gra- tifizieren“, da man seiner am Hofe bedürfe381). Von Franz I. erhielt 374) Sitzgs. Ber. d. Wiener Akad. d. Wiss. phil.-hist. Kl. 5, 477 u. 51 j. — Podewils erwähnt auch das ungünstige Urteil des damaligen französischen Gesandten Hautefort über Coli. 375) Aus der Zeit Maria Theresias. Tagebuch d. Fürsten Joh. Jos. Khevenhüller- Metsch, hg. von Rud. Gf. Khevenhüller-Metsch u. Hanns S c h 1 i 11 e r, Bd. *745—1749» 53 f­37e) Ranke, Maria Theresia, ihr Staat und ihr Hof i. J. 1755, Werke 30, 12. 377) Vgl. oben S. 79. 378) Vgl. seine Korrespondenz mit dem Erzkz. und dessen Vorstellungen an Karl VII. v. 1742 Jan. 10 und Jan. 18, Mzer. Wahl- u. Krön. A. 38. 379) Viele Beweise in Khevenhüllers Tagebuch. 38U) Vgl. die Korr. i. Mzer. R. K. 36 u. 74, bes. Colloredos Schreiben an Vorster v. 28. Dez. 1760. 381) Ber. Brées v. 1761 Juli 2, Mzer. Korr. 94. 354

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