Lothar Groß: Inventare Teil 5. Band 1. Die Geschichte der deutschen Reichshofkanzlei von 1559-1806 (1933)

VI. Biographische Daten und Betätigung der einzelnen Beamten - 1. Die Reichsvizekanzler

daß Windischgrätz Schritte getan habe, um sich das Reichsvizekanzleramt zu sichern319) und als Kurfürst Anselm Franz am 12. Dezember 1693 angesichts des immer bedrohlicher werdenden Gesundheitszustandes Königseggs dem Kaiser offiziell Windischgrätz für die Nachfolge Königseggs präsentierte, wies er darauf hin, daß er ihm schon vor vier Jahren auf Empfehlung des Kaisers eine Anwartschaft auf das Vizekanzleramt ver­liehen habe 32°). So folgte Windischgrätz, der Vertrauensmann Kaiser Leopolds, nach einer nur wenige Tage währenden interimistischen Leitung der Reichskanzlei durch den Reichshofratsvizepräsidenten Sebastian Grafen Zeil am 10. Februar 1694 Königsegg ohne alle Schwierigkeiten im Amte321). Spricht einerseits die Tatsache, daß sich ein Mann von der Stellung Windischgrätz’ um das Vizekanzleramt bewarb, dafür, daß dieses in den letzten Jahren doch an Bedeutung wieder wesentlich gewonnen hatte, so kam andererseits seine Person der Hebung des Ansehens und Einflusses der Kanzlei sehr zustatten. Windischgrätz zog nach Aussage des Mainzer Residenten Agenden, die seit langem von der Hofkanzlei geführt worden waren, an sich und spielte in den folgenden Jahren zusammen mit dem Grafen Kinsky die erste Rolle unter den Ministern des Kaisers 322). Nichts kennzeichnet seine Stellung besser, als daß er seiner eigenen Behaup­tung zufolge der einzige von den Ratgebern Leopolds war, der von der Einleitung der geheimen Verhandlungen mit Frankreich im Frühjahr 1694 wußte, ja es scheint sogar, daß er derjenige war, der diese Verhandlungen leitete und der die Instruktionen für den kaiserlichen Unterhändler, den Konkommissar zu Regensburg, Johann Friedrich von Seilern, verfaßte 32S). Die Tätigkeit des Grafen Windischgrätz im täglichen Amtsbetrieb der Kanzlei läßt sich wegen der relativ kurzen Zeit, während der er das Vizekanzleramt bekleidete, nicht ganz sicher beurteilen. Im allgemeinen gewinnt man aber den Eindruck, daß er nicht nur in den ganz großen und wichtigen Aktionen selbst zur Feder griff, sondern auch minder wichtige Stücke einer Revision und Korrektur unterzog. In einzelnen Weisungen und Instruktionen, die zumeist vom Sekretär Consbruch verfaßt wurden, stoßen wir auf Korrekturen von seiner sehr charakteristischen schweren Hand 324). Für häufige Kontrolle spricht auch ein Vermerk Consbruchs auf der Rückseite eines Konzeptes „Irer Exc. herrn reichsvicecanzlern ad revidendum“ 325). Windischgrätz schied bereits am 25. Dezember 1695 aus dem Leben 32e). 319) Weensche Gezantschaps Berichten 1, 480. 32°) R. K. Verf. A. 2. 321) Hantsch, Reichsvizekanzler Friedr. Karl v. Sdiönborn 74 weist darauf hin, daß K. Leopold die Vacanz des Reichsvizekanzleramtes sehr gelegen kam, denn er war wegen der Besetzung des Hofkanzlerpostens in Verlegenheit, da er weder Bucceleni noth Windischgrätz dabei verletzen wollte. 322) Hantsch a. a. O. 323) Vgl. über diese Verhandlungen Osw. Redlich a. a. 0.458 ff., wo auch der oberste böhmische Kanzler Graf Ulrich Kinsky als Initiator derselben genannt wird, ferner v. S r b i k, Österreich. Staats vertrage, Niederlande 1, 320 f., Turba, Reichsgraf Seilern 179. 324) Ith führe an: R. K. Weis, nach Berlin 2 c: 1694 Juni 9, Rom 92: 1694 Juni 19 u. 1695 Okt. 10. 325) Weis. n. Berlin 2C: 1694 Aug. 20. 32e) R. K. Verf. A. 2. 346

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