Lothar Groß: Inventare Teil 5. Band 1. Die Geschichte der deutschen Reichshofkanzlei von 1559-1806 (1933)

VI. Biographische Daten und Betätigung der einzelnen Beamten - 1. Die Reichsvizekanzler

Königsegg war im allgemeinen vielleicht weniger durch besondere Begabung als durch seinen Fleiß und seine umfassende Geschäftskenntnis ausgezeichnet. In der Kanzlei suchte er seine Autorität zu wahren, was zu manchen Konflikten führte, ohne daß es ihm immer gelungen wäre, seinen Willen durchzusetzen. Königsegg scheint eher ein milder und gütiger Mensch gewesen zu sein312). Am Hofe zählten die beiden Grafen öttingen, Vater und Sohn, zu seinen Hauptgegnern 313). Wie viele seiner Zeitgenossen, war auch Königsegg Besiedlungen zugänglich. In den französischen Instruktionen für die Wiener Gesandten und in deren Berichten wird er als außerordentlich „interessiert“ bezeichnet. Ein Bericht behauptet sogar, daß der Kaiser wenig Vertrauen in seine Redlichkeit habe, aber seiner wegen seiner Kenntnisse der Reichsverhältnisse nicht ent- raten könne313 a). Daß er ebenso wie der Hofkanzler Strattmann von Hannover bei der Errichtung der neunten Kurwürde bestochen wurde, darf wohl als erwiesen betrachtet werden 313 b). Er selbst behauptete einmal, während seiner 26 Dienstjahre 200.000 fl. aus eigenem zugesetzt zu haben und daher über die Aussicht, durch des Erzkanzlers Vermittlung vom Kaiser eine Verehrung zu erlangen, doppelt froh zu sein 314). Die Pachtung des Tabakmonopols für Niederösterreich dürfte ihn allerdings reichlich entschädigt haben 31B). Königsegg gehörte lange Zeit zur spanischen Partei am Hofe Leopolds. Damit hing wohl auch die Verleihung des Goldenen Vließes an ihn, das er 1675 als erster Reichsvizekanzler von der Königin von Spanien erhielt, zusammen 316). Heemskerck und Hamei Bruynincx heben in späteren Jahren seine Hinneigung zu Dänemark und Savoyen in einer Weise hervor, die vielleicht den Verdacht persönlichen Interesses wachrufen könnte317). Königsegg starb am 5. Februar 1694. Nachfolger Königseggs wurde Gottlieb Graf Windischgrätz, geheimer Rat und Hofmarschall Kaiser Leopolds, ein Staatsmann von mehr als Mittelmaß. Windischgrätz war damals bereits fast 64 Jahre alt und konnte auf eine an Erfolgen reiche Laufbahn im Dienste des Kaisers zurückblicken. Wurzbachs biographisches Lexikon enthält ausführliche Angaben über sein Leben, auf die wir hier verweisen dürfen318). Als Königsegg starb, lag die erste Bewerbung Windischgrätz’ um das Reichs­vizekanzleramt bereits mehrere Jahre zurück. Der niederländische Gesandte am Wiener Hofe Heemskerck berichtete bereits am 21. Juni 1691, 312) Einen schweren Konflikt hatte er mit Franz Winand Bertram, den er haßte; doch zeigte er sich auch gegen ihn schließlich versöhnlich, vgl. unten S. 427 u. Mzer. R. K. 25b, bes. das Schreiben Königseggs v. 26. Sept. 167$. 313) Vgl. darüber oben S. 53 f. u. das Postscript zu Königseggs Ber. an d. Erzkzler. v. 6. Juni 1677 (Mzer. Korr. 89), in dem er Wolf von öttingen, dessen Haß gegen ihn „reichskündig“ sei, als Hauptfeind der Reichskanzlei bezeichnet. 313 a) Recueil des instruct. 1 (Autriche), 84 u. 120. 313 b) Vgl. Schulte, Markgraf Ludwig Wilhelm v. Baden 1, 162 u. Pribram, Österreich u. Brandenburg 96. 314) Mzer. Korr. 89: 1677 Juni 6. 316) Vgl. Jos. v. Retzer, Tabakpachtung in d. österr. Ländern 20 f. Ich verdanke diesen Hinweis meinen Freunden Dr. Edm. F r i e s s und Dr. Oskar Schmid. 316) Mzer. R. K. 25 b. 317) a. a. O. 49J u. 562. *18) Band 57, 49 ff. Auf Wurzbach fußt auch der Artikel Zwiedinek-Südenhorsts i. d. Allgem. deutsch. Biogr. 43, 416. 345

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