Historische Blätter 7. (1937)

Taras v. Borodajkewycz: Kaiser und Reichserzkanzler bei Beginn des spanischen Erbfolgekriegs

sehen Adeligen ist schon mehrfach erkannt und gewürdigt worden86. Er wurde in seiner politischen Laufbahn, die ein schweres Siechtum früh abschnitt, einer der energischesten Vertreter einer bewußt habsburgisch- österreichischen Politik, in der Geschichte der österreichischen Staatsidee einer der ersten leidenschaftlichen Wortführer einer österreichischen Staats­räson. In Wien zählte er zu dem aktiristischen Kreis um den Thronfolger und hatte kaum das dritte Jahrzehnt seines Lebens überschritten, als er mit der großen Aufgabe betraut wurde, die Seemächte als Bundesgenossen wieder an die Seite des Kaisers zu führen. Die Ungeduld seiner Jugend und sein heißes Temperament haben ihm manchen Stein bei der Durch­führung seines Auftrages in den Weg gelegt, das Ziel hat er schließlich doch erreicht. Wir wissen nicht, ob ihn eine Instruktion des Wiener Hofes veranlaßte, sich des Erzkanzlers besonders anzunehmen87 — es scheint wahrscheinlich. Aber es wurde von Bedeutung, daß Lothar Franz, der in Wien so gerne immer wieder die Rücksicht auf die Seemächte in den Vordergrund gestellt und betont hatte, nun in einer nahezu wöchentlichen Berichterstattung ein Bild, und zwar ein kaiserlich gefärbtes Bild, von der politischen Entwicklung Englands und Hollands in der spanischen Frage erhielt. Wratislaw setzte sehr bald mit dringenden Appellen an den Kur­fürsten ein, seinen Kredit im Reich zum Zusammenschluß der Fürsten und Stände für die gute Sache des Kaisers aufzubieten. Er schmeichelte dem Selbstgefühl des Erzkanzlers, indem er ihm vorstellte, wie ganz England die Einigung des Reiches von ihm erwarte und wie sehr eine solche Tat die englische Nation aufrütteln und zur Nachahmung anfeuern würde88. Aber bei Lothar Franz verfingen diese Aufforderungen nicht, er zeigte auch ihnen gegenüber die kalte Schulter. Sein Weg wollte die umgekehrte 86 Die scharfsinnigste und treffendste Würdigung Wratislaws ist in dem knappen Bild gegeben, das W. Reese in seiner Arbeit „Das Ringen um Frieden und Sicherheit in den Entscheidungsjahren des spanischen Erbfolgekrieges 1708 bis 1709“ (Münchener Hist. Abhandlungen 1/4, 1935), S. 97 ff., entworfen hat. Dazu A. v. Arneth, Eigenhändige Korrespondenz desKönigsKarl III. von Spanien mit dem Grafen Johann Wenzel Wratislaw (Archiv f. Kunde österr. Geschichtsquellen XVI 1856), S. 6 ff.; ders., Prinz Eugen von Savoyen, Wien 1858, I, S. 290 ff., 346 ff.; Noorden, a. a. 0., 1/1, S. 152 f.; 0. Klopp, Der Fall des Hauses Stuart und die Succession des Hauses Hannover in Groß-Britannien und Irland, IX, Wien 1881, S. 16 f.; A. Berney, König Friedrich I. u. das Haus Habs­burg, Berlin-München 1927, S. 131 f.; Hantsch, a. a. 0., S. 83 f. 87 Die kaiserl. Instruktionen enthalten keinen Hinweis. Vgl. A. Gaedecke, a. a. 0., II, S. 93*, 96*, 98*. 88 Wratislaw an Lothar Franz 10. II. 1701. Bei Doppeldatierung der Briefe Wratislaws aus England ist nur das gregorianische Datum angegeben. 141

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