Historische Blätter 7. (1937)

Taras v. Borodajkewycz: Kaiser und Reichserzkanzler bei Beginn des spanischen Erbfolgekriegs

Richtung einhalten. Mochten die Seemächte zuerst das Beispiel gehen, das man von ihm verlangte! Der kaiserliche Gesandte mußte bald ein- sehen, daß mit allgemein geführten Gesprächen und Appellen bei der Schwerhörigkeit des Kurfürsten diesen Versuchen gegenüber nicht weiter zu kommen war. Er begann daher geradewegs auf das entscheidende Problem hinzuzielen; er wollte den Kurfürsten zu einer Demaskierung seiner Haltung veranlassen! Am 4. März meldete er dem Mainzer aus London, der englische König habe die Nachricht erhalten, daß viele Reichs­fürsten mit dem Gedanken einer Neutralität spielen; „ich hoffe aber nit, dass die vernünftigen dergleichen consillia führen könen, weill man vor äugen sehet, mit wass vor einer insuportabler hauteur Frankreich mit allen umbgehet, wo diese Cron die präpotentz hat“89. Doch der Kurfürst ließ sich nicht aus seinem Bau herauslocken. „Ahn der Neutralität . . . ist sicherlich nichts“, war seine Antwort, „indem das Wort Neutral ahn sich selbst in der Welt allzu odios undt wiederig ist“. Er überzeugte den Gesandten aber auch nicht von dem Gegenteil, sondern ersuchte ihn, sich in seine und der anderen rheinischen Fürsten Lage hineinzudenken, zu überlegen, wie ihnen zu Mute sein müsse, da sie doch stündlich auf eine In­vasion gefaßt sein müßten! Es bestehe wahrlich genug Ursache für jeden von ihnen, auf der Hut zu sein, „damit man sich nicht alss einen lapidem offensionis der erstem Gefahr exponirt sehen möge“90. Anfang April berichtete Lothar Franz dem Gesandten, er habe den erfreulichen Eindruck, daß auch der bayerische Kurfürst vor allem die Erhaltung des Friedens und die Ruhe im Reiche im Sinne habe, was ganz der Meinung vieler anderer gefährdeter Stände entspreche91. Max Emanuel war auf der Heimreise von der niederländischen Statthalterschaft in sein Kurfürstentum beim Erzkanzler als Gast abgestiegen. Das friedfertige Bild des Wittelsbachers, der bereits vor drei Wochen das Bündnis mit Frankreich geschlossen hatte92, war das Ergebnis des gemeinsamen Ge­sprächs ! In Wien glaubte man, dieser Entwicklung der Dinge im Reich schließ­lich doch nicht mehr ruhig zusehen zu dürfen. Man hatte bereits Bei­spiele, in welche Richtung die Friedensbeteuerungen der Fürsten trieben. Auch wenn noch keine genaueren Nachrichten von den Verträgen Vor­lagen, die die beiden wittelsbachischen Fürsten eben in jenen Wochen an 89 Wratislaw an Lothar Franz 4. III. 1701, a. a. 0. 90 Lothar Franz an Wratislaw 23. III. 1701. 91 Lothar Franz an Wratislaw 6. IV. 1701. 82 S. ßiezler, Geschichte Bayerns, VII. Gotha 1913, S. 484.

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