Historische Blätter 7. (1937)
Taras v. Borodajkewycz: Kaiser und Reichserzkanzler bei Beginn des spanischen Erbfolgekriegs
kaiserlichen Kriegsverfassung, die ihm eine kriegerische Politik des Wiener Hofes als nicht wahrscheinlich erscheinen ließ, zumal wenn er hörte, daß die Verhandlungen mit den Seemächten stockten oder nur schleppend weitergingen82. Dann aber mußte er von d’Iberville wieder vernehmen, sein König habe sich entschlossen, als Gegenmaßnahme gegen die beabsichtigte kaiserliche Truppenverschiebung an den Rhein bei Landau ein Heerlager in Aufstellung zu bringen und seine Sorge stieg, „dass der tantz bald angehen dürfte“83. Und er sandte Hilferufe zu seinen Nachbarn nach Kassel und Darmstadt und Würzburg. In bewegten Worten ließ er ihnen den traurigen Zustand von Mainz vor Augen führen, für den er am kaiserlichen Hof nur Interesselosigkeit gefunden, und suchte die Unterstützung der Fürsten immer wieder mit dem Hinweis zu gewinnen, daß das Schicksal der wichtigen Reichsfestung auch das Schicksal ihrer Länder entscheide. Aber eine wirkliche Zusage auf militärische Hilfe erhielt er nur von dem Würzburger Bischof, die anderen spendeten ihm schöne Worte84. So gingen Kaiser und Erzkanzler in diesen entscheidungsschweren Wochen ihre eigenen Wege, getrennt, einander argwöhnisch beobachtend, im stillen zum Teil gegeneinander arbeitend. Der Erzbischof beklagte sieh über das mangelnde Vertrauen, das er, der Erzkanzler des Reiches, am kaiserlichen Hofe fand, sein Stolz lehnte sich dagegen auf, daß man ihn in vielen wichtigen Reichsfragen einfach überging85. In Wien wiederum herrschte Verstimmung und Groll gegen den Schönborn, der mit seiner Sonderpolitik die kaiserlichen Bemühungen im Reich so erschwerte und durchkreuzte. Fast hatte es den Anschein, als ob jedes Gespräch zwischen dem ersten Kurfürsten des Reiches und dem Kaiser abgebrochen wäre. Und doch war seit dem Beginn des Jahres, allerdings auf einem Umweg, ein reger Gedankenaustausch eingetreten. In die politischen Überlegungen des Kurfürsten hatte sich eine starke Persönlichkeit der Wiener Politik hineingeschoben: Graf Wratislaw, der kaiserliche Gesandte im Haag und in London, der mit der Aufgabe der Gewinnung der Seemächte betraut war. Das weit über den Durchschnitt ragende politische Format dieses böhmi82 Lothar Franz an Wratislaw 29. I. nnd 23. II. 1701, a. a. 0. 83 Lothar Franz an Joh. Phil. v. Schönborn (s. d., aber in die letzten Februartage anzusetzen), M. E. A., Militaria 32. 84 Berichte Fr. K. v. Schönborn 23. II. 1701, G. F. Berninger 21. II. 1701, Frhr. v. Leyen 25. II. 1701, alle in M. E. A. Militaria 32. 85 Lothar Franz an Wratislaw 9. II. 1701, a. a. O. 140