Historische Blätter 7. (1937)

Taras v. Borodajkewycz: Kaiser und Reichserzkanzler bei Beginn des spanischen Erbfolgekriegs

Freiherrn Johann Philipp von Stadion beauftragt, mit den Ministern der anderen kurrheinischen Höfe Fühlung zu nehmen und womöglich die Fin- haltung eines gemeinsamen politischen Vorgehens zu erzielen66. Man wartete sehnsüchtig auf die Entscheidung der Seemächte, ohne deren Zu­tun man ein selbständiges Vorgehen des Wiener Hofes kaum annehmen wollte und man beruhigte sich damit, daß der Kaiser von den drei geist­lichen Kurfürsten schließlich doch weder Geld noch Truppen erhoffen könne56. Und dann langte Mitte Dezember das kaiserliche Handschreiben in Mainz und bei den übrigen geistlichen Kurfürsten des Rheins ein. Es begann mit einer Darlegung der Gründe, die dem Kaiser den Beitritt zu dem Teilungsvertrag verwehrt hatten, solange der spanische König noch lebte. Ein besonderes Gewicht wurde dabei auf die in der Wahlkapitulation beschworene Pflicht des Kaisers gelegt, so ansehnliche Reichslehen, wie es die italienischen und lothringischen sind, nicht vom Reiche lostrennen zu lassen, was der Vertrag durch Zuteilung dieser Länder an die Krone Frankreich beabsichtige. Der Kaiser erhob feierlichen Protest gegen das Testament: Es widerspreche den Versicherungen, die ihm der letzte spa­nische König mehrmals gegeben, es stehe in offenem Widerspruch zu der feierlichen und eidlich bekräftigten Renunziation der verstorbenen franzö­sischen Königin und dem darauf gegründeten Testament Philipps IV., es schädige das Reich, da es die ganze spanische Monarchie, die so wertvolle Reichslehen einschließe, dem französischen Königshaus und damit vielleicht sehr bald überhaupt der Krone Frankreich ausliefere. Der Kaiser erklärte weiter, im Interesse des Friedens sei es immer seine Absicht gewesen, sich nach dem Tode des Königs einem Abkommen nicht zu entziehen, das einigermaßen das Gleichgewicht Europas und die Rechte des Reiches wahre. Diese Absicht habe er unverändert beibehalten, hege aber Zweifel, daß Frankreich sich gegenwärtig zu einem solchen Vertrag verstehen werde. Daher müsse man mit allem rechnen. Das Handschreiben schließt mit der Bitte um Ratschläge, welche Maßnahmen der Kaiser in- und außerhalb des Reiches treffen solle und mit der Aufforderung um eine Mitteilung, wie weit er sich dabei eine Unterstützung des Kurfürsten er­hoffen könne67. Die Antwort auf diese kaiserliche Anfrage ist dem Erzkanzler nicht leicht gefallen. Die Wiener Politik stellte geschickt das primär dynastische 66 Bericht Joh. Phil, von Stadion 13. XII. 1700, a. a. 0. 58 Ebda. 57 Kaiserliches Handschreiben vom 30. XI. 1700, M. E. A. Korr. 99. 132

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