Historische Blätter 7. (1937)

Taras v. Borodajkewycz: Kaiser und Reichserzkanzler bei Beginn des spanischen Erbfolgekriegs

die an ihr Ohr gelangten. Da hieß es: Die Seemächte werden der Durch­führung des Testaments des verstorbenen spanischen Königs nichts in den Weg legen; man kann also hoffen, daß alles in Frieden vor sich gehen wird. Gleich darauf langte wieder die Nachricht ein, England und Holland bestehen weiter auf der Ausführung des Teilungsvertrages und werden der Welt zeigen, daß man mit ihnen nicht nach Belieben umspringen kann. Es geht nur noch um das englische Parlament, das für diese Politik erst gewonnen werden muß. Sie bedeutet aber neuen Krieg. Übrigens soll dem Teilungsvertrag ein Separatartikel anhängen, der dem Kaiser innerhalb zweier Monate nach dem Tode des spanischen Königs den Beitritt zu dem Traktat noch offen hält und während dieser Zeit nur den Erzherzog Karl als Kandidaten für den spanischen Thron anerkennt. Frankreich war als Partner des Vertrages verpflichtet, den Ablauf dieser Frist abzuwarten; es hat durch die Annahme des Testaments den Artikel gebrochen60. Und zu all dem trat das große Fragezeichen: Was wird der Kaiser tun? Wird und kann er diese grobe Verletzung seiner Ansprüche im Angesichte ganz Europas ruhig hinnehmen? Und betrifft die ganze Frage nicht doch auch das Reich, wo doch die zum burgundischen Kreis ge­hörigen spanischen Niederlande und das Herzogtum Mailand alte Reichslehen sind? Jenes Mailand, dessen Statthalter, der Prinz von Vaudemont, den Anjou bereits öffentlich anerkannt hat?61 Und immer wieder ein Anklammern dieser „der gefahr am nächsten exponirten Churfürsten“ an einen Hoffnungs­schimmer, daß ein offener Konflikt vermieden werde, daß es ihnen ge­länge, sich bei einem allgemeinen Zusammenstoß beiseite zu halten62. Lothar Franz teilte alle diese Besorgnisse im vollsten Maße. Aber er hat nach wie vor die politische Linie einzuhalten versucht, die ihm als Leitidee vorschwebte. Er hat dem Wittelsbacher den voreiligen Schritt seines Gesandten in Paris verwiesen63 64, er hat am 12. Dezember an den französischen König eine Antwort auf das Notifikationsschreiben abgehen lassen, die sich nur in allgemeinen Ausdrücken des Dankes für die Mit­teilung bewegte und sich nichts vergab54 und er hat seinen Kanzler, den 60 Joseph Clemens an Lothar Franz 9. XII. 1700, a. a. 0. 61 C. v. Noorden, a. a. 0., S. 148. 52 Diese Gedanken kehren in den Schreiben aller drei Kurfürsten immer wieder. 53 „Nun muss ich zuvorderst gestehen, das Euer Liebden Resident zu Paris mitt abgelegtem seinem Compliment bey dem Duc d’Anjou wegen Erhöhung zum königl. Spanischen Thron sich nicht wenig übereylet hatt, und wolte ich meinem dasigen Re­sidenten, wann Er dergleichen unternehmen solte, solches ebenmässig höchlich impro- biren“. Lothar Franz an Joseph Clemens 4. XII. 1700 (Konzept), M. E. A. Korr. 99. 64 Das Konzept des Antwortschreibens, das nicht französisch, sondern lateinisch abgefaßt war, in M. E. A. Korr. 99. 131

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