Historische Blätter 7. (1937)

Taras v. Borodajkewycz: Kaiser und Reichserzkanzler bei Beginn des spanischen Erbfolgekriegs

Franz bemühte sich, aus dem kölnischen Antwortsentwarf wenigstens die verfänglichsten Sätze herauszustreichen42 43. Die nächsten Wochen war der Kurfürst den zudringlichen Vor­sprachen des französischen Gesandten entzogen; er weilte in Bamberg. Aber kaum war er am 16. November in seine rheinische Residenz zurück­gekehrt, da ließ sich schon am nächsten Tag d’Iberville bei ihm melden43. Inzwischen war das lang erwartete Ereignis eingetreten: Am 1. November war König Karl II. in Madrid gestorben. Joseph Clemens hatte die Todes­nachricht durch seinen Bruder aus Brüssel erfahren und sofort mit Eil­boten nach Mainz weitergegeben44. Als der Gesandte Frankreichs vor Lothar Franz erschien, da war in Paris eben die Annahme des Testa­ments Karls II. und die Proklamation des jungen Anjou zum König von Spanien — am 16. November — vollzogen worden45. Noch lautete aber der Auftrag d’Ibervilles, Kurmainz nochmals zur Garantieerklärung und Unterzeichnung des Teilungsvertrages aufzufordern. Es wiederholte sich das alte Spiel. Als der Kurfürst mit den bekannten Argumenten auszu­weichen suchte, erklärte ihm der Gesandte, sein König wolle die Garantie keineswegs so verstanden und gedeutet wissen, daß man damit wirklich Partei ergreifen oder bei der Ausführung des Traktats sich mitbeteiligen solle. Nein, der Wunsch seines Königs sei nur darauf gerichtet, die ersten Reichsfürsten und womöglich das ganze Reich als Mitgaranten des Ver­trages zu sehen, wenn es dazu käme, ihn zu verwirklichen! Als der Kur­fürst auch diese Erklärung mit der Bemerkung quittierte, gerne werde er sich zu dem Traktat bekennen und auch das Reich zu seiner Anerkennung zu bringen suchen, Voraussetzung sei aber erst die richtige Vollendung des Traktats durch seine Annahme seitens aller Beteiligten, da prellte der Gesandte mit der gereizten Frage vor, wohin die Intention des Kurfürsten denn eigentlich ginge! Lothar Franz antwortete gemessen, sein Wunsch bestehe darin, daß die ganze Angelegenheit ohne Krieg abgehe. Käme es aber anders, dann sei er nicht gewillt, sich an einem Krieg zu beteiligen. Für die Sicherung seiner Stadt und seines Landes werde er schon selbst Sorge tragen. In den König von Frankreich aber setze er das Vertrauen, daß er ihm nicht noch Weiteres zumute und noch weniger von ihm etwa 42 Lothar Franz an Joseph Clemens von Köln, 1. IX. 1700 (Konzept) und dazu das Schreiben Jos. Clemens an Lothar Franz, 26. VII. 1700, mit Beilagen, M. E. A. Korr. 99. 43 Lothar Franz an Kurköln und Kurtrier 17. XI. 1700, M. E. A. Korr. 99. 44 Joseph Clemens an Lothar Franz 13. XI. 1700, a. a. 0. 45 C. v. Noorden, Europäische Geschichte im achzehnten Jahrhundert, Düsseldorf 1870, I. 1., S. 115 ff. 9* 129

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