Historische Blätter 7. (1937)
Taras v. Borodajkewycz: Kaiser und Reichserzkanzler bei Beginn des spanischen Erbfolgekriegs
Sukzessionsfrage, falls das Recht des Kaisers nach dem Tode des Königs von irgendeiner Seite angefochten würde16. Noch anderthalb Jahre später sprach man am Mainzer Hofe mit Entrüstung von diesen „Zumuthungen“, zu denen sich Lothar Franz in seiner Würde als Erzkanzler nicht hatte verstehen wollen noch können17. So sah sich der Kurfürst nach dem Scheitern seiner Wiener Bemühungen auf einen anderen Weg verwiesen, den er im Sommer 1700 vorsichtig, aber mit aller Entschlossenheit beschritt. Der Druck Frankreichs, der von Tag zu Tag wuchs, bestärkte ihn in seinen Absichten und wurde das auslösende Moment. Im März desselben Jahres war auf Initiative Ludwigs XIV. zwischen Frankreich und den Seemächten der zweite Teilungsvertrag zustande gekommen. Er sprach zwar die spanischen Hauptlande dem österreichischen Erzherzog Karl zu, lieferte aber Italien ganz den Bourbonen aus. Während der Kaiserhof bei aller innerlichen Ablehnung des Traktats zunächst eine zuwartende Haltung einnahm, ließ Ludwig alle diplomatischen Künste spielen, um die deutschen Fürsten zu einer Anerkennung der neuen Teilung zu gewinnen und damit vom Kaiser zu trennen. Die rheinischen Kurfürsten als die nächsten Nachbarn Frankreichs waren diesen Bemühungen im besonderen ausgesetzt. Geschäftig reiste der außerordentliche französische Gesandte d’Iberville von einem der geistlichen Kurfürsten zum andern, um die zustimmende Antwort zu erreichen18. Lothar Franz war sich der ganzen Schwere der Entscheidung, vor die er gestellt wurde, bewußt. Erteilte er dem Sonnenkönig eine Absage, dann hatte er jederzeit einen Übergriff Frankreichs zu gewärtigen; in zweimal 24 Stunden konnte eine französische Heeresmacht vor Mainz stehen19, an Widerstand war bei der desolaten militärischen Lage des Erzstifts nicht zu denken. Dann aber war sein Land wieder Kriegsschauplatz und die letzten Jahrzehnte hatten wahrlich genug gezeigt, daß die Franzosen morden und brennen konnten. Die kaiserliche Hilfe war weit. Lothar Franz hatte nicht viel Vertrauen in sie, nach den Erfahrungen, die er gemacht hatte. Der aussichtslose Kampf, den der Markgraf Ludwig von Baden für die Reichsrüstungen an der Rheingrenze mit 16 Die Wiener Bedingungen in dem obenerwähnten „Projectum recessus“. 17 Relation des kurmainzischen Kanzleidirektors G. F. Berninger 21. II. 1701. Mainzer Erzkanzler Archiv (M. E. A.), Militaria 32. 18 Die ganze Aktion d’Ibervilles in M. E. A. Korrespondenz 99. 19 So äußerte sich Lothar Franz seihst dem Grafen Schlick gegenüber. Bericht Gf. Schlick 27. IV. 1701, a. a. 0. 122