Historische Blätter 7. (1937)

Taras v. Borodajkewycz: Kaiser und Reichserzkanzler bei Beginn des spanischen Erbfolgekriegs

Wien führte, war nicht dazu angetan, um seiner Meinung über die kai­serliche Unterstützung und das Verständnis am Wiener Hofe für die Be­dürfnisse der Westgrenze eine Wendung zum Besseren zu geben20. Hatte doch der Kaiser am Beginne des Jahres eine Reduktion der Heere an­geordnet !21 Dann blieb also kein anderer Ausweg, als dem Drängen des Fran­zosen nachzugeben ? Der Reichspatriot in Lothar Franz sträubte sich gegen diese Schlußfolgerung. Nein, er wollte keine Entscheidung treffen, bevor er nicht die Meinung des kaiserlichen Hofes vernommen. Ein Schreiben nach dem anderen erging im Juni 1700 an seinen Wiener Residenten Gudenus mit dem Auftrag, die Absichten der kaiser­lichen Politik in Erfahrung zu bringen und gleichzeitig um Ratschläge für das eigene Verhalten zu ersuchen22 23 24. Aber die Antworten des Gesandten ließen kein klares Bild von den Plänen des Wiener Hofes heraustreten, und als Gudenus auf neuerliches Drängen seines Herrn am 30. Juni in energischer Weise beim Reichsvizekanzler vorstellig wurde, erhielt er von Kaunitz einen Bescheid, der dem Kurfürsten deutlich machte, daß jede weitere Rücksichtnahme auf den Kaiser in seiner bedrohten Lage verlorene Zeit war28: Der Kaiser trete dem üblen Vertrage zwar nicht bei, eine Entscheidung über seine Stellungnahme sei aber noch nicht gefallen. Um so leichter könne der Kurfürst, der an der ganzen Teilung ja überhaupt nicht interessiert sei, zur Zeit noch um eine Entscheidung hernmkommen. Gudenus bezeichnete dem Vizekanzler gegenüber diese Antwort sofort als unzu­reichend. Frankreich verlange ein Ja oder Nein und werde sich mit solchen zweifelhaften Ausflüchten nicht zufrieden geben. In bitteren Worten hielt er Kaunitz vor, wie sehr sich jetzt das geringe Verständnis räche, das der Hof im vergangenen Jahr für die Instandsetzung der Festung Mainz bewiesen habe. Kaunitz antwortete mit Gegenvorwürfen. Das kaiserliche Angebot sei bis an die Grenze des Möglichen gegangen und werde noch immer aufrecht erhalten, von Mainz sei darauf aber überhaupt keine Gegenerklärung erfolgt. So verlief auch dieses Gespräch im Sande. Ein wenige Tage später ab­gesandtes persönliches Schreiben des Vizekanzlers an den Kurfürsten, das den Standpunkt des Wiener Hofes nochmals begreiflich zu machen suchte, wiederholte nur alle diese Gedankengänge2*. Der Kurfürst war auch nach 20 Vgl. dazu den Briefwechsel Lothar Franz mit Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden, M. E. A. Militaria 32. 21 A. Schulte, Markgraf L. W. v. Baden, I, S. 537. 22 Die Konzepte dieser Schreiben mit Gudenus' Antworten in M. E. Á. Korr.99. 23 Bericht Gudenus 30. VI. 1700, a. a. 0. 24 Kaunitz an Lothar Franz, 8. VII. 1700, a. a. 0. 123

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