Historische Blätter 7. (1937)
Taras v. Borodajkewycz: Kaiser und Reichserzkanzler bei Beginn des spanischen Erbfolgekriegs
Reichsamtes, das noch immer viel von seinem Schimmer beibehalten hatte, und die Möglichkeit, als Direktor des Kurfürstenkollegiums und Inhaber des Reichstagsdirektoriums ein entscheidendes Wort in den Gang der Reichspolitik mitzureden. Beide Funktionen hatten in dem Erzkanzler den kaiserlichen Beamten, der er seinem Amte gemäß hätte sein sollen, schon lange in den Hintergrund gedrängt2. Auf dem Stuhle des heiligen Bonifatius saß zur Zeit, da man von Wien aus mit Bemühungen um Reichshilfe einsetzte, eine Persönlichkeit, die gar sehr gewillt war, sich um die Angelegenheiten des Reiches zu kümmern und in ihnen ein Wort mitzureden: Lothar Franz von Schön- born. Er war ein Neffe jenes begabten und ehrgeizigen Johann Philipp von Schönborn, der in der gleichen Stellung versucht hatte, das kleine Mainz zum Mittelpunkt eines großangelegten politischen Systems zu machen, das in den europäischen Machtfragen dem Reich — das waren für ihn vor allem die kleineren und kleinen Stände — eine gesicherte Zone verschaffen sollte, auch gegenüber dem Kaiser und selbst in Anlehnung an Frankreich. Der Name des ersten Rheinbundes ist mit diesem Erzkanzler verknüpft3. Lothar Franz hatte die Regierung des Erzstifts im März 1695 übernommen4. Es war die Zeit, da die ganze öffentliche Meinung Deutschlands in heller Empörung gegen Frankreich stand. Der neue Erzbischof kam als Bischof von Bamberg an den Rhein und behielt das Frankenstift auch weiter in seiner Hand. Schon als bambergischer Fürst hatte er eine Politik verfolgt, die seine Haltung als Reichserzkanzler ahnen ließ. Er hatte zu den eifrigsten Förderern der Pläne gehört, die dem zersplitterten deutschen Süden und Südwesten mit Hilfe der Kreisverfassung ein erhöhtes militärisches und damit auch politisches Gewicht zu geben suchten; in seinen aufreibenden Bemühungen um die Schaffung einer schlagfertigen Reichsarmee hatte Markgraf Ludwig von Baden in dem Direktor des fränkischen Kreises, auch als dieser in die Mainzer Kurwürde und damit in die leitende Stelle auch des kurrheinischen Kreises aufrückte, stets einen warmen Freund gefunden 5 6. Es war die kaiserliche Zentrale selbst, 2 A. Schulte, Der deutsche Staat. Verfassung, Macht und Grenzen 919—1914, Stuttgart 1933, S. 179. 3 Über ihn vgl. H. Hantsch, Reichsvizekanzler Friedrich Karl von Schönborn, Augsburg 1929, S. 16 ff. Ebda. S. 369 auch die Literatur über die verschiedenartige Beurteilung dieses Kurfürsten. 4 K. Wild, Lothar Franz von Schönborn (Heidelberger Abhandlungen, 8. Heft, 1904), S. 10. 6 A. Schulte, Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden, Karlsruhe 1892, I, S. 229 ff. und K. Wild, a. a. 0. S. 99ff. 119