Historische Blätter 7. (1937)

Taras v. Borodajkewycz: Kaiser und Reichserzkanzler bei Beginn des spanischen Erbfolgekriegs

die dem großzügigen Assoziationsprojekt des Mainzers in kurzsichtiger Be­sorgnis ein Halt setzte. Man fürchtete in Wien, der Erzkanzler könnte sich Befugnisse anmaßen, die man für ein Reservat der kaiserlichen Würde ansah; eine militärische Einigkeit und Selbständigkeit der bisher zersplit­terten Gebiete des deutschen Südens und Westens konnte die Position des Kaisers auch schwächen und das Reichsoberhaupt entbehrlicher machen. Das Beispiel der mächtigen armierten Stände stand warnend vor Augen. Lothar Franz hat sich hartnäckig gegen die Wiener Gegenaktionen ge­wehrt und dann schließlich den ganzen Plan zurückgestellt6. Es hat in seinem Leben an Zusammenstößen mit den kaiserlichen Interessen nicht gefehlt und er hat es an offenen Worten auch dem Kaiser gegenüber nicht mangeln lassen, wo ihm seine kurfürstliche Würde, die er „billich vor das gröste Kleinodt“ achtete6 7, verletzt oder angetastet zu sein schien. Aber es entsprach andererseits seiner innersten Überzeugung und war nicht nur ein Ausfluß seines an und für sich konzilianteren We­sens, wenn er die „gute Einigkeit zwischen Haupt und Gliedern“8 immer wieder betonte und in allen Konflikten mit dem Kaiser schließlich doch einlenkte, einen Bruch vermied 9. Allerdings, das erste Gespräch über die spanische Frage zwischen Mainz und Wien ist jäh gescheitert. Es war im Sommer 1699, ein halbes Jahr nach dem plötzlichen Ableben des bayrischen Kurprinzen, das den ersten Partagevertrag über den Haufen warf. Lothar Franz hatte in Wien um Hilfe für sein Erzstift angeklopft10, dessen katastrophale Lage ihn mit ständiger Sorge erfüllte. Die vergangenen Kriegsjahre hatten das schöne Land am Rhein übel zugerichtet und völlig ausgepreßt. Mainz selbst war in die Hände der Franzosen gefallen und hatte erst mit Waffengewalt wieder in deutschen Besitz gelangen können. Jetzt befand sich diese wich­6 A. Schulte, Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden, I, S. 521 f., und K. Wild a. a. 0. S. 106. 7 Lothar Franz an Kaiser Leopold I. 29. Juni 1697 anläßlich eines Konfliktes auf dem Regensburger Reichstag. Wiener Haus-, Hof- u. Staatsarchiv (unterbleibt wei­terhin, da das ganze eingesehene Aktenmaterial, sofern nicht ausdrücklich anders ver­merkt, diesem Archiv entstammt), Reichshofkanzlei (R. K.), Moguntina 11L 8 Ebenda. 9 Über verschiedene Konflikte, die die Reichshofkanzlei betrafen, berichtet L. Gross, Die Geschichte der deutschen Reichshofkanzlei von 1559 bis 1806 (Inventare Österreichischer Staatlicher Archive V, 1), Wien 1933, S. 5911. 10 Der kurmainzische Unterhändler war nicht der spätere Reichsvizekanzler Fried­rich Karl v. Schönborn, wie A. Schulte durch ein Versehen annahm (Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden, L, S. 523), sondern dessen' Vater Melchior Friedrich Freiherr von Schönborn, der Bruder des Kurfürsten. 120

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