Historische Blätter 7. (1937)

Taras v. Borodajkewycz: Kaiser und Reichserzkanzler bei Beginn des spanischen Erbfolgekriegs

Der Aufstieg der letzten Jahre hatte aber für die bevorstehende große Auseinandersetzung doch auch notwendigerweise nachteilige Folgen gebracht. Die Kräfte des Staates waren überbeansprucht worden. Die Heere waren zwar mit reichen Lorbeeren aus den langen Kriegen heraus­gegangen, aber doch auch erschöpft und abgenützt; die Erholungspause war zu kurz, um die neuen Rüstungen in einem solchen Ausmaße betreiben zu können, wie es ein weltpolitischer Kampf erforderte; in den Kassen herrschte starke Ebbe. Dennoch dachte man in Wien keinen Augenblick an ein Zurückweichen in der spanischen Erbfrage. Kaiser Leopolds uner­schütterlicher Glaube an das Recht seines von Gott beschirmten Hauses hat alle politischen Bedenken, die sich gegen den Eintritt Österreichs in einen neuen Krieg erhoben, abprallen lassen. Man wußte andererseits aber auch in Wien, daß die eigenen Kräfte allein kaum ausreiehten. Es galt, der neuen ungeheuren Gefahr einer französischen Universalmonarchie zu begegnen, einer Gefahr, die nicht nur das Haus Habsburg, sondern ganz Europa bedrohte. Alle Kräfte Europas, die nicht gewillt waren, sich einem Diktat Frankreichs zu beugen, sollten dem habsburgischen Kampfe angeschlossen werden. So war es das nächste Ziel der Wiener Politik, vor allem die große Allianz mit den Seemächten, die schon einmal dem bourbonischen Übermut eine Schranke gesetzt hatte, wieder aufleben zu lassen. Konnte der Kaiser aber auch hoffen, die Kräfte des Reichs wieder an seiner Seite zu finden? In einer Frage, die weithin den Anschein hatte, in erster Linie ein dynastisches Anliegen zu sein. Gewiß konnte die Wiener Politik mit großem Recht schlagende Argumente Vorbringen, daß die Sache des Kaisers in der spanischen Frage auch eine Sache des ganzen Reiches sei, aber werden sie überzeugen ? Kaiser und Reich deckten sich nun einmal nicht mehr, darüber waren sich auch die führenden Köpfe der kaiserlichen Politik in der Praxis klar, wenn auch theoretisch immer wieder die Einheit des Reiches mit seinem Haupte betont wurde. Andern­falls wäre schon die ganze Frage nach der Hilfe des Reiches nicht nötig gewesen. Bestand die Wiener Politik auf der Unterstützung des Reiches, dann blieb ihr nichts anderes übrig, als den sehr komplizierten Verhand­lungsweg zu beschreiten, um die Reichsstände zu gewinnen. Um jeden einzelnen Territorialherrn begann das Ringen. Eine besondere Bedeutung bei der Mitwirkung des Reichs fiel dem Reichserzkanzler, seinem ersten Kurfürsten und Erzbischof von Mainz, zu. Es war nicht die Fülle der realen Macht, die hinter dieser Bedeutung stand — längst schon waren die geistlichen darin von ihren weltlichen Standesgenossen überflügelt worden —, es war die Würde des alten 118

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