Historische Blätter 6. (1934)

Friedrich Walter: Maria Theresia und die österreichische Zentralverwaltung

daß sich die neue Reform nur auf das Technische der Verwaltung er­streckte. Schon diese Feststellung macht übrigens die ganze Unfruchtbar­keit dieses Kaunitzschen Debüts auf dem Gebiete der inneren Politik offenbar. Doch der Staatskanzler hatte damals bereits die volle Höhe seines Einflusses auf die Kaiserin erklommen, er verfügte über eine gerade auf sie wirksame Suggestivität des Vortrages, die uns heute nicht mehr zugänglich ist, und wußte die überlegene Beherrschung seines außen­politischen Metiers meisterhaft zur Gewinnung einer alles überragenden Stellung am Hofe und, wir dürfen sagen, auch im Herzen der Kaiserin zu benützen. Wir müssen uns erinnern, daß er es war, der als erster den heimlichen Wünschen Maria Theresias nach der Rückgewinnung Schle­siens Worte lieh, daß er es war, der die geniale Konzeption einer für den gehaßten Friedrich schier erdrückenden Koalition zur Wirklichkeit wer­den ließ und daß gerade dieser blutige Krieg, der die Monarchie schwer erschütterte, zwischen der Kaiserin und ihrem Kanzler eine Gemeinsam­keit aufrichtete, die je länger je mehr sich als unlösbar erwies. Trotzdem, — Maria Theresia hat dem Staatskanzler, der jetzt so sehr darauf aus war, die Schuld am Mißlingen seines größten Werkes fremden Schultern aufzuladen, den verdienten Minister nicht kalten, dank­vergessenen Herzens hingeopfert. Zwischen der ersten, noch vorsichtig sondierenden Kritik des Kanzlers an der Haugwitzschen Verwaltung und dem Sturmlauf von 1760 liegt ein Zeitraum von über zwei Jahren. Aber auch als Graf Haugwitz schon seiner Stelle als Präsident des Directoriums enthoben war, zögerte die Kaiserin noch ein volles Jahr, das 1749 ein­gerichtete Behördensystem anzutasten. Es ist kein Zweifel, die Anwürfe, die von seiten des Staatskanzlers und seines Anhanges — von den beiden Grafen Chotek, von Zinzendorf und anderen — gegen die Haugwitzsche Verwaltung* erhoben wurden, hatten das Vertrauen Maria Theresias in das bestehende System erschüttert, ohne daß sie jedoch — offenbar unter dem Eindruck der Gegenvorstellungen Haugwitz’ — von den Vorzügen der angetragenen Reform voll überzeugt worden wäre. Ihr Bemühen und Streben nach dem möglichen Besten ist ernst und ehrlich. Es ist ein selt­sam bewegendes Schauspiel, zu sehen, wie diese Frau im Wirbel der wahrlich nicht geringen laufenden Geschäfte, bedrückt von banger Sorge um die Ereignisse im Felde, Zeit und innere Ruhe findet, die oft viele, viele Seiten umfassenden Gutachten der Staatsräte und Minister zu lesen und durchzuarbeiten. Allerdings, ganz kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, als wäre damals der Kaiserin die ihr aufgelegte Last schon zu schwer geworden, als wäre sie nicht mehr so ganz imstande gewesen, aus dem Wust der Einzelheiten, die ihr da mit häufig über­12

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