Historische Blätter 6. (1934)

Friedrich Walter: Maria Theresia und die österreichische Zentralverwaltung

nur möglich, weil jetzt der Arm, das „bracchium“ des Landesfürsten von der Zentralbehörde über die Landesstelle und das Kreisamt direkt an den Untertan herankam, weil die den Willen des Herrschers vielfach ver­biegende und verfälschende ständische Vermittlung beseitigt war. Damit aber hatte Graf Haugwitz die Grundlage für eine Außenpolitik geschaffen, die, durch den Namen Kaunitz programmatisch gekennzeichnet, Maria Theresias heißesten Wünschen entgegenkam, weil sie den halben Kon­tinent gegen Preußen vereinigte und ihr das reiche, nie vergessene Schle­sien wiederbringen sollte. Aber das Glück war nicht mit den Fahnen der Kaiserin. Es gelang zwar, dem großen Friedrich den Ruhm der Unbesiegbarkeit zu rauben und Generale wie Daun und Laudon richteten das erschütterte Selbst­bewußtsein der schlachtenerprobten österreichischen Armee wieder auf; doch das erstrebte Ziel wurde nicht erreicht. Schlesien blieb preußisch. Die Gründe dieses Mißerfolges sind wohl schon zum Teil in der öster­reichischen Außenpolitik gelegen, aber von entscheidender Bedeutung wurde neben der doch oft unkräftigen militärischen Führung der Um­stand, daß die Monarchie den unerhörten Anforderungen an ihre inneren Kräfte nicht gewachsen war. Kaunitz’ Staatsführung, die das Unwahr­scheinliche zuwege brachte und den französischen Erbfeind des habs­burgischen Hauses zusammen mit Rußland in jene große Koalition hin­einzog, deren konzentrischem Angriff Preußen menschlichem Ermessen nach erliegen mußte, — diese Staatsführung hatte bei aller diplo­matischen Großartigkeit doch auch ihre Schwächen. Der Staatskanzler hatte die Leistungsfähigkeit und den Leistungswillen Frankreichs ebenso wie die Zuverlässigkeit Rußlands zu optimistisch beurteilt; er hatte aber auch die Potenz der Donaumonarchie bei weitem überschätzt, beziehungs­weise seinen preußischen Gegner unterschätzt. Als nun eine Entscheidung im Felde nicht erzielt werden konnte und 1760 ein Ende des Krieges noch immer nicht abzusehen war, da rückte der finanzielle und in seinem Ge­folge auch der militärische Zusammenbruch in drohende Nähe. Es war mit eine Verteidigung seiner eigenen Politik, deren Fehler Kaunitz bewußt oder unbewußt übersah, wenn er im Dezember 1760 einen an Schärfe kaum zu überbietenden Angriff gegen die Haugwitzsche Staats­verwaltung richtete, wenn er dort die letzten Ursachen gefunden zu haben glaubte für einen vielleicht verlustreichen Krieg. Der Angriff des Staats­kanzlers war um so heftiger und leidenschaftlicher, als er noch hoffen mochte, durch Reformen auf dem Gebiete der Verwaltung dem Staate jene Kräfte zuzuführen, die die Erreichung seines Kriegszieles auch jetzt noch ermöglichen konnten. Der Kanzler irrte. Er ließ gänzlich außer acht, 10

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