Historische Blätter 5. (1932)

Georg Wittrock: Gorčakow, Ignatiew und Šuwalow

wandter Sprachiorm, aber mit klarem Gedankengang entwickelt er von Ems aus am 3. Juli 1876 dem Reichskanzler seine Ansichten25. Die Kriegsgefahr habe in Englands Glauben seinen Grund, daß Rußland es in Indien bedrohe — ein Wahnsinn nach der Meinung des Kaisers — daß es in der Insurrektion auf der Balkanhalbinsel das treibende Element sei und daß es den Besitz Konstantinopels erstrebe. Da diese Sätze alle von russischer Seite verneint werden und den eigenen Versicherungen Alexanders bei einem Zusammentreffen in Jugenheim (in Hessen) am vorigen Tage gegenüberstehen, wünscht Wilhelm I., daß er selbst und seine Ratgeber, die besser als irgend jemand den Charakter und die Wahrheitsliebe Alexanders kennen, gegen das englische Mißtrauen im vollen Ernste auftreten sollen. Man müsse die britische Regierung lehren, einzusehen, daß es ein unverzeihlicher Leichtsinn wäre, darüber einen Krieg von unübersehbaren Dimensionen zu entzünden, daß Rußland dem Balkanaufstand gegenüber in eine äußerst schwierige Lage gebracht sei, in ein Dilemma zwischen den Sympathien des Volkes und dem Wunsche, den europäischen Frieden zu erhalten, das einige Rücksicht­nahme erheische. Kaiser Wilhelm erwähnt, seiner Gemahlin seien von der Königin Viktoria zwei Briefe über diesen Gegenstand zugegangen, die er durch die Kaiserin beantwortet habe; er habe dabei gerade vor einem Argwohn gewarnt, der den Frieden in Gefahr bringe. Durch das zweite Schreiben Münsters, wo unter anderem auch von der öster­reichisch-russischen Entzweiung die Rede war, die neben der russisch­englischen verspürt wurde, noch mehr aufgeregt, setzt Wilhelm seine Hoffnung auf eine schon versprochene persönliche Begegnung mit seinem Kanzler, weist aber im voraus auf seine schon im vorigen Jahr bei Be­ginn des Aufruhrs geäußerte Ansicht hin, daß der einzige Ausweg eine Emanzipation dieser bedrückten, christlichen Bevölkerung nach dem Muster Griechenlands oder Rumäniens sei. Dies ist die Lösung, die ihm immer noch notwendig und wünschenswert erscheint, wenn er auch über ihre Durchführbarkeit Zweifel hegt wegen des Widerstandes Öster­reichs und wegen des Kampfes, der von den Insurgenten neben Serbien und Montenegro trotz allen Abmachungen der Großmächte zur Siche­rung des Friedens begonnen worden sei — der Eintritt der beiden Klein­staaten in den Streit war gerade in diesen Tagen wirklich geschehen. Die Politik Fürst Bismarcks in der orientalischen Krise war, wie bekannt, in keiner Weise von Unfreundlichkeit gegen Rußland gekenn­zeichnet, aber die Erfahrungen, die er im Frühling 1875 bei dem Ver­25 Siehe Note 23. 77

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