Historische Blätter 5. (1932)

Georg Wittrock: Gorčakow, Ignatiew und Šuwalow

suche, die Rüstungen Frankreichs durch diplomatischen Druck zu­rückzuhalten, gemacht hatte, hatten doch bei ihm weit stärkere und dauerhaftere Spuren hinterlassen als bei seinem Herrn, der das Auf­treten Fürst Gorcakows bei dieser Gelegenheit überhaupt nicht als feindlich oder kränkend, wenn auch möglicherweise als ein wenig taktlos aufgefaßt haben dürfte. Vor allem aber war der Kanzler als Politiker Realist mit sicherem Gefühl für das, was man mit Fug und Recht fordern könne oder was nach dem Gebote der Klugheit zu tun sei. Es fiel ihm nicht ein, dafür Gewähr zu leisten, daß der Charakter Alexanders jede Möglichkeit eines Doppelspieles, einander widerstreitender Zwecke oder nach und nach veränderter Pläne ausschlösse — das ist es, was in dem Lapidarstil der eigenhändigen Bemerkungen in den zwei Worten seinen klaren Ausdruck fand: „Bürgen sein?“ Und dieselbe nüchterne Skepsis kehrt auch in einem Fragezeichen dort wieder, wo der Souverän in seiner ritterlichen und warmen Zuversicht zu dem jüngeren Ver­wandten und Freunde das übliche Mißtrauen gegen die russische Politik als „durchaus unbegründet“ bezeichnet (die Unterstreichung von Bismarcks Hand). Als der Kaiser, an sich mit Recht, auf die heikle Lage Rußlands gerade in einem Balkankonflikt hinwies, fügte der Kanzler ebenso lakonisch hinzu: „Ostreich noch mehr“, und sein Tadel über die kaiserliche Mahnung an London, jeden Argwohn fahren zu lassen, kleidete sich in äußerst summarischer Form in die Frage: „ganz ?“ und dem Urteil: „mischief“. Als schließlich Wilhelm I. in einem Postskriptum sich gegen das schon geäußerte Mißvergnügen des Auswärtigen Amtes mit den direkten Berichten Graf Münsters an den Souverän wandte und statt dessen seine große Dankbarkeit aus­sprach, zeigte das einfache bismarcksche „Geht doch nicht“, daß er sich dieser sehr natürlichen, aber seiner Leitung der Geschäfte hinder­lichen Auffassung zu fügen nicht geneigt war. In der Tat ging an den im Auswärtigen Amte angestellten jüngeren Radowitz — einen Sohn des Vertrauten Friedrich Wilhelms IV. — ein Befehl ab, an den Botschafter in London ein rügendes Schreiben auf­zusetzen. Es sollten da dem Grafen teils seine jährlich wiederkehrenden Kriegswahrsagungen vorgehalten werden — die diesmal jedoch in dem immer mehr verschärften englisch-russischen Gegensätze recht wohl be­gründet waren — teils die unnötigen Schwierigkeiten und Besorgnisse, die er geschaffen und geweckt habe, als er für seine Eingabe an den Monarchen einen Weg gewählt, der das Auswärtige Amt hinderte, die beruhigenden Aufklärungen beizufügen, die die politische Lage im ganzen an die Hand geben könne. Diese offizielle Zurechtweisung ist 78

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