Historische Blätter 5. (1932)
Georg Wittrock: Gorčakow, Ignatiew und Šuwalow
als von Andrássy stammend erkannten: die Unmöglichkeit einer Selbstverwaltung in Gebieten, wo Muselmänner und Christen untereinander vermischt lebten, wie dies ja in Bosnien der Fall war. Gorcakow hatte außerdem verlangt, daß die sechs Großmächte gegen einen türkischen Angriff auf Serbien in Konstantinopel Protest einlegen und in dem Falle, daß der Krieg von serbischer Seite verursacht und begonnen werde, sich für absolute Beobachtung des Nichtinterventionsprinzips aussprechen sollten. Lord Derby hob in seiner Antwortnote hervor, daß die Türkei bestimmt versprochen habe Serbien nicht anzugreifen; der Krieg wäre jetzt vielmehr durch die eigene Haltung Fürst Milans provoziert und hätte wahrscheinlich schon seinen Anfang genommen; er könne daher auf den ersten Vorschlag des Staatskanzlers nicht eingehen, trete dagegen dem zweiten bei — doch unter der entschiedenen Voraussetzung, daß sich England nur so lange durch eine solche Erklärung gebunden fühle, als sich auch alle anderen Mächte von jeder direkten oder indirekten Beteiligung am Aufstand oder am Kriege enthielten. Einige Führer der Opposition, die Graf Münster gesprochen hatte, hatten zunächst ihren Wunsch geäußert, vor Schluß der Session über die Pläne der Regierung Klarheit zu bekommen. Sie hatten indessen daneben ihre Überzeugung ausgedrückt, daß es im Parlamente freilich nicht sechs Mitglieder gebe, deren Zustimmung zu haben sei, wenn England für die Aufrechterhaltung der türkischen Macht zu den Waffen griffe, daß man aber noch weniger den Übergang Konsfantinopels in russische Hände gutheißen würde. Unter den militärischen Maßnahmen der Regierung legte Münster auf die Absendung einer größeren Menge überzähliger Offiziere, Maschinisten und Heizer zur Mittelmeerflotte besonderes Gewicht. Man schrieb nämlich in England General Ignatiew den Gedanken zu, die türkische Kriegsmacht zur See mit List wegführen zu lassen, auf deren Vermehrung Abd-ul-Aziz große Kosten aufgewandt hatte und die hinsichtlich der Zahl und der Größe der Schiffe eine sehr achtungsgebietende Waffe war. Komme es jetzt zur Intervention und zu kriegerischen Verwicklungen, so sei, wie man glaubte, dem englischen Admiral aufgetragen, die türkische Panzerflotte ohne weiteres — nach dem Vorbild aus dem Anfang des Jahrhunderts — in Sicherheit zu bringen. Wenn auch der Brief Münsters diesmal nicht ganz so düster schloß als der vorige, war er doch überhaupt wenig dazu geeignet, die einmal geweckte Unruhe Kaiser Wilhelms zu beschwichtigen — er sagt selbst von den ersten Mitteilungen des Gesandten, daß sie ihn „in eine besondere Aufregung und Besorgnis“ versetzt hätten. In wenig ge~ 76