Historische Blätter 5. (1932)
Georg Wittrock: Gorčakow, Ignatiew und Šuwalow
den Souverän wenden konnten, es war aber auch, wie es scheint, eine anerkannte Regel, daß alle Schreiben von wichtigem politischem Inhalt den gewöhnlichen Weg durch das Auswärtige Amt gehen sollten. Nun nahm sich Graf Münster vor — entweder um dem Kaiser eine Aufmerksamkeit zu erweisen oder eher in der Absicht, auf diese Weise für seine eigenen Ansichten kräftiger zu wirken — dem Kaiser direkt einen ausführlichen Bericht vom 25. Juni zuzusenden, wo er die ganze Stellung zeichnete und die Gefahr eines kriegerischen Bruches zwischen England und Rußland hervorhob; er sandte wohl zugleich an das Amt ein Duplikat, aber wie Fürst Bismarck später bemerkte, er vermied jedenfalls auf diese Art, daß gleichzeitig mit seiner Darlegung an Kaiser Wilhelm Nachrichten, vielleicht Einwände vom Auswärtigen Amt gelangten, sei es als eigene Äußerungen des Reichskanzlers, sei es in anderer Form 21. Der münstersche Brief kann ohne Bedenken ein Werk genannt werden, unter das der Gesandte mit Ehren seinen Namen setzen konnte: seine Schilderung zeugt von wacher Beobachtung und reifer Auffassung und gibt eine gute Übersicht über die damalige Lage der Dinge. Der Botschafter hebt hervor, daß die englisch-russischen Beziehungen, die nach der britischen Ablehnung des Memorandums der drei Kabinette durch starke Spannungen bedroht gewesen, sich wieder gebessert hätten und daß Verhandlungen eingeleitet wären, aus denen vielleicht eine Verständigung hätte hervorgehen können, wenn nicht das kriegerische Auftreten Serbiens das alte Mißtrauen gegen Rußland von neuem geweckt hätte. „Für die Integrität der Türkei“, sagte ein englischer Staatsmann Münster, „machen wir keinen Krieg, wohl aber für die Integrität von Konstantinope 1.“ Man habe gegen die Bildung selbständiger christlicher Staaten nichts, noch gegen eine österreichische Intervention, aber jeder russischer Eingriff und jede Bedrohung der Hauptstadt am Bosporus würde von England sogleich zum casus belli gemacht werden. Die Bewegung unter den slawischen Stämmen wird russischen Intrigen und Agenten zugeschrieben — man darf hier daran erinnern, daß der Konsul in Sarajewo, Mr. Holmes, besonders Jonin zur Last legte, daß er seinen Einfluß nicht zur Beilegung der Streitigkeiten benützte, daß er aber ebensowenig mit dem Verfahren der dalmatinischen 21 Graf Münster an Kaiser Wilhelm London 25. Juni 1876. Abschrift mit eigenhändigen Bleistiftbemerkungen Fürst Bismarcks. Berlin. („Acta betreffend den Aufstand in der Herzegowina.“) Stückweise benutzt von Wertheimer, Graf Julius Andrássy, II S. 312ff. — Der ganze Brief ist als Anlage 1 a zu dem schwedischen Originale dieses Aufsatzes in [Svens k] Historisk Tid- skrift 1931, S. 379 ff., gedruckt worden. 73