Historische Blätter 5. (1932)

Georg Wittrock: Gorčakow, Ignatiew und Šuwalow

Beamten zufrieden war; Jonin hatte indessen sowohl in Ignatiew wie in Gorcakow mächtige Beschützer gefunden 22. Den Verdacht nährten noch die Unterdrückungspolitik der vergangenen Jahre gegen die Polen, die im Jahre 1871 durchgeführte Änderung geltender Verträge in betreff des Schwarzen Meeres, das Vordringen in Asien trotz allen Versiche­rungen, daß keine Gebietserweiterung beabsichtigt sei, endlich die ganze Wirksamkeit General Ignatiews in Konstantinopel — das alles habe eine allgemeine Überzeugung hervorgerufen, daß die Zurückdrängung der germanischen und polnischen Elemente, die Herrschaft über alle slawi­schen Stämme und der Besitz Konstantinopels das Ziel sei, dem die Mehrzahl des russischen Volkes bewußt und unbewußt nachstrebe. Wohl sei es ein verbreiteter Glauben, daß der Verfall der Türkei „sich nicht aufhalten, aber nur verschieben“ lasse; die Gefahr jedoch für den Ein­fluß Englands im Mittelmeer, in Indien und in den ostasiatischen Ge­wässern gelte als allzu groß, um Großbritannien ein Zurückweichen ohne Kampf zu erlauben. Im Kabinette fänden sich zwar zwei verschiedene Richtungen: Disraeli und dem Glauben Münsters nach auch Lord Salis­bury für energisches Vorgehen, Derby und seine Meinungsgenossen vor­sichtiger; aber auch diese faßten den Krieg immer mehr ins Auge. Wenn jetzt die Serben bereit schienen, loszubrechen, so sei dies in zwei Be­ziehungen zu bedauern: erstlich darum, daß sich die Ausbreitung des Brandes nicht vorhersehen lasse, zweitens weil die Spannung zwischen England und Rußland dadurch gesteigert werde. Dies habe auf die Verhandlungen störend eingewirkt, die Graf Peter Suwalow in der vorigen Woche zu führen hatte. Er habe dabei im Auftrag seines Kaisers hervorgehoben, daß durch bloßes Abwarten nichts zu gewinnen sei und daß man darum der Türkei gewisse Ratschläge geben müsse, die sie auch unzweifelhaft befolgen werde, wenn sie von allen Mächten, und namentlich von England, ausgingen. Gorcakow habe weiter seinen Vor­schlag von einer „autonomie tributaire“, einer gewissen, mit Tributpflicht vereinten Unabhängigkeit der Provinzen Bosnien und Herzegowina Vor­fragen lassen, indem er daneben an Serbien und Montenegro kleinere türkische Abtretungen wünschte. Auf das Verlangen Lord Derbys nach näherer Aufklärung über den rechten Sinn dieser Autonomie, hätte die Antwort unbestimmt und widersprechend gelautet: erst wurde auf Rumänien und Serbien hingewiesen; auf den Einwand aber, das bedeute also das Recht, eigene Fürsten und eigenes Kriegsheer zu haben, kam die Entgegnung, daß man so weit nicht gehen wolle — es wäre nur 22 Langenau an Andrássy 1./13. März. Wien. 74

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