Historische Blätter 5. (1932)
Georg Wittrock: Gorčakow, Ignatiew und Šuwalow
Diese Reihe ist mir bei den Forschungen nicht zugänglich gewesen, die ich während zweier Sommermonate 1929 und 1930 in den Archiven für auswärtige Angelegenheiten in Berlin und Wien anzustellen Gelegenheit hatte. Im österreichischen „Haus-, Hof- und Staatsarchiv“, wo man prinzipiell, und wenn dem kein besonderes Hindernis begegnet, alle Akten bis zu einem Zeitpunkte benützen darf, der nicht mehr als 35 Jahre zurückliegt, wurde mir der Briefwechsel des Generals Freiherrn Ferdinand von Langenau, damaligen Botschafters in Petersburg, mit dem Minister des Auswärtigen, nebst gewissen dazugehörigen Papieren vorgelegt, besonders Briefe seines Stellvertreters bei zufälligem Urlaub, des Emst von Mayr. Im Auswärtigen Amte in Berlin hat man mir wohlwollend mehrere nach inhaltlichen Gesichtspunkten zusammengesetzte Volumina, verschiedene Teile und Seiten der orientalischen Krise der Jahre 1876-77 behandelnd, zur Verfügung gestellt, die vorzugsweise dazu geeignet sind, über das Verhältnis und die Reibungen zwischen den Mächten des Dreikaiserbundes Licht zu verbreiten. Der Hauptinhalt dieser deutschen Akten ist bekannt und eine Auswahl der wichtigsten ist in „Die Große Politik der Europäischen Kabinette (Akten des Auswärtigen Amtes)“ aufgenommen worden, aber mehrere Beiträge, die für ein tieferes Eindringen in den Zusammenhang einzelner Punkte Wert haben, sind immerhin noch daraus zu entnehmen. Dieser Aufsatz ist zuerst in der schwedischen Historischen Zeitschrift („Historisk Tidskrift“) Ende 1931 veröffentlicht worden und wird hier in Übersetzung mit Ausschluß der dort beigefügten Anlagen mitgeteilt. * * * Hundertjährige Traditionen und die Lage Rußlands als Nachbar der Türkei und Besitzer der nördlichen Ufer des Schwarzen Meeres genügen schon um zu erklären, warum die Unruhe, die sich um die Mitte der siebziger Jahre in gewissen europäischen Vilayeten des Sultans offenbarte, von den Leitern der russischen Politik schon von Anfang an mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt wurde. Da man überdies mit der slawischen Rassenverwandtschaft zu rechnen hatte, die im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts eine Macht geworden und gewissermaßen an die Stelle des früheren kirchlichen Gemeinsamkeitsgefühls getreten war, sowie mit der persönlichen Ruhmsucht hervorragender russischer Staatsmänner, ist nicht zu verneinen, daß der magyarische Außenminister der habsburgischen Monarchie gute Gründe hatte, die Maßnahmen Fürst Gorcakows, das Auftreten der russischen Diplomaten auf der 62