Historische Blätter 5. (1932)

Georg Wittrock: Gorčakow, Ignatiew und Šuwalow

Balkanhalbinsel und die eigene Haltung Kaiser Alexanders mit weniger sicherem Vertrauen zu beobachten, als es der österreichisch-ungarische Botschafter in Sankt Petersburg sowohl hegte wie auch eifrig ver­kündete. General von Langenau — in den inneren Fragen, soweit vom Russischen Reiche die Rede ist, ein streng konservativer Mann 1 — hul­digte auch im Grunde des Herzens einem ganz anderen außenpolitischen System als demjenigen, das in den Ratschlägen Kaiser Franz Josephs seit der Ernennung Graf Andrássys auf seinen neuen Posten die Ober­hand behauptete. Weit davon entfernt, dessen tief eingewurzeltes Miß­trauen zu den Absichten der Petersburger Regierung zu teilen, widmete er vielmehr dasselbe Gefühl dem Fürsten Bismarck, dem Überwinder des alten Österreichs im Jahre 1866. Erhaltene Befehle führte er loyal aus, auch als das Verhältnis zwischen Wien und Petersburg später äußerst gespannt wurde, aber so lange als er auf Eintracht und Zu­sammenwirken hoffte, vertrat er in seinen Briefen offen die Sache der russischen Freundschaft. In dieser Hinsicht sind die Reflexionen Langenaus bezeichnend, als im Januar 1875 das Gerücht verbreitet wurde, der Kanzler des Deutschen Reiches habe durch den Gesandten des Zaren in Berlin, Oubril, Alexander seine Dienste zu dem Zwecke angeboten, daß dieser das Stück von Beßarabien, das er im Pariser Frieden 1856 verloren, wiedergewinne, Österreich-Ungarn aber als Gegengewicht einen Teil Bosniens bekomme2. In einer Depesche und einem Privatbriefe an Oubril, die von den schmeichelnden Bewunderern Gorcakows als stilistische Meisterstücke gepriesen wurden, wies der Staatskanzler höflich aber bestimmt die Anerbietungen des deutschen Versuchers ab, indem er die vollkommen uneigennützigen Absichten seines Kaisers geltend machte3. „Jedenfalls“, so schreibt über diese Sache Baron 1 Langenau an Andrássy St. Petersburg 28. Sept./10. Okt. 1877 (Privatbrief). Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Wien. (Das Archiv wird in diesem Aufsatze künftig nur mit dem Worte Wien bezeichnet.) Vgl. unten S. 129f. 2 Serge Goriainow, Le Bosphore et les Dardanelles (Paris 1910), S. 314ff. Eduard von Wertheimer, Neues zur Orientpolitik des Grafen Andrássy (1876-1877), Historische Blätter, herausgegeben vom Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien (1921-1922), S. 255ff., 273f. Vgl. Die Große Politik der Europäischen Kabinette 1871—1914. Sammlung der diplomatischen Akten des Auswärtigen Amtes, II S. 29ff.: der Staatssekretär Bernhard v. Bülow (d. ä.) an Graf Münster 4. Jan. 1876. 3 Man vergleiche die offizielle Sprache Gorcakows an Lord Augustus Loftus Anfang April: S. S. Tatiscew, Imperator Aleksandr II. Ego zisn’ i carstwowanie, II S. 302f. (Petersburg 1903). 63

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