Historische Blätter 5. (1932)

Dr. Julius Marx: Eine vormärzliche Wirtschaftskrise im Lichte der amtlichen Berichte

schaftslage aus, da die Briten voraussichtlich ihre Tätigkeit nach dem fernen Osten verlegten. Ferne lag allen der Gedanke, selbst Handels­beziehungen anzuknüpfen; naiv freute man sich, daß England einen auf­nahmsfähigen, konkurrenzfreien Markt fand. Der Zollverein war um­sichtiger, er leitete 1845 eine Expedition nach China ein. Auch in Mähren und Böhmen blieb die Lage das ganze Jahr über flau. Sämtliche Brünner Märkte fielen schlecht aus, nur mehr die billigen Waren fanden Absatz. Die Prager klagten, daß der für die Textil­industrien so wichtige Wiener Mairgarethenmarkt, auf dem sonst Ungarn und Italien ihren Jahresbedarf deckten, mißglückte. Diese Zweige jam­merten über allgemeinen Absatzmangel und Einschmugglung englischer Erzeugnisse. Die Kammgarnspinnereien wurden durch die Gothaer Fabrik im Preise unterboten. In der Leinenindustrie vermochte nicht einmal die mißratene Flachsernte preissteigernd zu wirken, die Rüben­mißernte schädigte die Zuckerfabriken. Im September wurde endlich der Einfuhrzoll auf Rohbaumwolle von 1 fl. 40 kr. auf wenige Kreuzer herab­gesetzt, im November folgten weitere Zollermäßigungen. Technische Fortschritte sind vor allem in der Eisenindustrie durch Einführung der Walzwerke zu verzeichnen. Die Druckfabriken stellten Perotinen ein. Eine solche Maschine lieferte in 24 Stunden 50 Stück dreifarbig be­druckten Kattun, wozu 12 Drucker eine Arbeitswoche benötigten. Die ersparten Hände wurden ungesäumt entlassen. Ebenso wuchs die Not­lage in der Provinz. Leitenberger in Niemes setzte den größten Teil der Arbeiter auf die Straße, sein Beispiel befolgten die andern. Nicht mit Unrecht sah der Stadthauptmann Böhmens Sicherheitsverhältnisse schwer bedroht, da zu allem eine schwere Mißernte, damit Teuerung trat. Melancholisch bemerkt er einmal, daß es vielleicht besser wäre, Österreich als Ackerbaustaat zu erhalten, im Interesse der Wohlfahrt, Sicherheit und Ruhe die Ausdehnung der Industrie zu beschränken. Für den Stadthauptmann der Hauptstadt der gewerbereichsten Provinz immerhin eine sonderbare Auffassung, die aber auch andere teilten 21. 1842 rückte, vor allem durch die Staatsbahnfrage, der Zollvereins­anschluß wieder in den Brennpunkt des Interesses. In Wien und Prag war man ohne weiteres für den Beitritt, so daß ihn Sedlnitzky als Wunsch 21 Wr., Gr., Tr., Br., Lz., Pr. B. f. 1842. — Industriebeschränkung: Pr. Dez.-b. 1842, Gr. Julib. 1843; „Ö s t. u. d. Zkft“, I., S. 128 f; auch Metternich war skeptisch: Srbik, I., S. 531. — In den „Mitteilungen“ des Vereins f. Geschichte der Stadt Wien wird eine Arbeit des Verfassers über die Lebensver­hältnisse der Zeit v. 1840—1848 erscheinen, die in gewisser Beziehung die vorlie­genden Ausführungen ergänzt. 54

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