Historische Blätter 5. (1932)

Dr. Julius Marx: Eine vormärzliche Wirtschaftskrise im Lichte der amtlichen Berichte

weiter Kreise — merkwürdigerweise erwähnt er auch Mähren — bezeich- nete. In Oberösterreich war man, wie Polizeidirektor Graff (Linz) mel­dete, fortgesetzt dafür, dabei verwies man auf die gleiche Einstellung Bayerns, doch überging zur allgemeinen Enttäuschung die bayrische Thronrede die heikle Sache. Dann tritt in Böhmen eine Wendung ein. Zwar spricht der Stadthauptmann noch im Jänner und April davon, daß man das einseitig auf die Kottonerien zugeschnittene System, das die anderen Zweige schädige und dem Glas- und Spiegelfabriken ihren Niedergang zuschrieben, nicht beibehalten könne, sondern den Anschluß oder eine Tarifänderung durchführen müsse, im Mai erklärt er sich jedoch plötzlich gegen den Beitritt, wobei er sich auf die Industriellen und Händler, die sich einem freien Wettbewerb nicht gewachsen fühlten, und auf die für einen Agrarstaat unerläßliche Rücksicht auf die Urproduktion berief. Er empfahl nur eine gegenseitige Anpassung der Zolltarife, für deren zweckmäßige Gestaltung auch die schutzzöllnerisch gesinnten Triester Reeder und Händler eintraten. Der Brünner Polizeidirektor Hasenöhrl erklärte ohne weitere Begründung den Beitritt als unerwünscht für Mähren-Schlesien. Die behördlichen Beratungen mußten Ungarn ebenfalls berücksichtigen. Kübeck, kein Anschlußfreund, weil er Öster­reichs Zukunft im Orient sah, strebte mit Hartig die von allen Verwal­tungsbehörden als wünschenswert bezeichnete Tarifreform an. Metternich stimmte ihnen zu; in seiner Denkschrift an Kübeck vom 20. November 1841 hatte er einen Handelsvertrag mit dem Zollverein an Stelle des Bei­trittes empfohlen. Schließlich faßte die Regierung den grundsätzlichen Entschluß, mit der Prohibition zu brechen. Sogleich wurden umfangreiche Vorbereitungen zur Re­form getroffen. 1843 erstattete Kübeck das Schlußgutachten, dem die an­deren Hofstellen beipflichteten. Kaum war die Angelegenheit bei Hof, drangen schon Gerüchte in die Öffentlichkeit, die sofort in heftigste Auf­regung geriet 22. Um die Erregung der Wirtschaftskreise zu verstehen, müssen wir die Wirtschaftslage im Jahre 1843 kurz überblicken. In Wien war es nach den günstigen Frühjahrsmärkten zu einiger Regsam­keit gekommen, Weber und Drucker hatten Arbeiter aufgenommen, viel­22 Die Gefiihlsseite der Anschlußfrage zeigen am deutlichsten die Lz. B. — Beer, Handelspolitik, S. 16ff. u. Finanzen, S. 192ff. — „Öst. u. d. Zkft.“, I„ S. 154 ff. — St. - A., M. K. A., Z. 1909 ex 1841. — Wr. Februarb. 1842 (Glossy, I., S. 106). Lz. B. f. Dez. u. 2. Hälfte 1841, f. 1842. Tr. Sept.-b. u. Br. Februarb. 1842. Pr. B. f. Februar bis April 1841, Jänner, April 1842. — Srbik, I., S. 534ff., II., S. 103f. 55

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