Historische Blätter 4. (1931)
Ferdinand Bilger: „Großdeutsche“ Politik im Lager Radetzkys
Unbefangener konnte man sich in die heikle Verwirrung der deutschen Frage nicht hineinstürzen. Die Antwort war zunächst, wie wir sehen, verfaßt auf dem Grundtone der Noten Schwarzenbergs. So wie es dort am 9. März geheißen hatte, daß die k. k. Regierung „ein großes und starkes Deutschland wolle“ 124, so hieß es hier, „Deutschland soll groß, frei, mächtig sein“, der Ausdruck der „Einigkeit“ war den österreichischen und jenen preußischen Kundgebungen gemeinsam, die zu der „Einheit“ der Frankfurter im scharfen Gegensatz standen 125, Otto von Manteuffels Wort, „daß es über deutsch verschiedene Meinungen gebe“126, klang in anderer Tonart in dem „Vorrecht, deutscher zu empfinden als wir, das Niemandem eingeräumt werde“, wieder. Mit den konservativen preußischen Presseberichten war der Gedanke „Spaltung“ oder „Größe und Macht Deutschlands“ 127 in gleicher Linie. Des Beifalls der Parteimänner dieses Offizierskorps, das in der Tat „den Thron seines Fferrschers mit seiner Brust gegen eine wilde Demagogie gedeckt“ hatte, konnte Radetzky sicher sein. Aber dann kam das scharfe Wort vom „Fürstenehrgeiz oder aufgewiegeltem Volksgeist, die uns in Bruderzwist und Verderben stürzen“, Gedankengänge, die bei Radetzky in die Zeit der Denkschriften von 1828 und 1834 zurückreichen128, an dieser Stelle aber für den tiefer Eingeweihten in einem Schreiben an den Bruder des Königs von Preußen den Eindruck unerhörter Kühnheit hervorrufen mußten. Die Spannungen zwischen Österreich und Preußen waren in dieser Stunde noch immer ungelockert, bei aller Verehrung für „die heiligen Rechte“ der österreichischen kaiserlichen Majestät stand vor der Seele Friedrich Wilhelms IV. noch immer der Versucher. Er hatte sich bereit erklärt, an Stelle des Erzherzogs Johann, auf den Antrag der deutschen Regierungen und unter Zustimmung der Nationalversammlung die provisorische Leitung der deutschen Angelegenheiten zu übernehmen, und entschlossen, dem ergangenen Rufe Folge leistend, an die Spitze eines deutschen Bundesstaates zu treten, der sich aus den freiwillig sich 124 Note Schwarzenbergs vom 9. März 1849, abgedruckt in Augsb. Alig. Zeitg. vom 16. März 1849. 125 Note Schwarzenbergs vom 4. Februar 1849, abgedruckt in Augsb. Alig. Zeitg. vom 12. Februar 1849. P Bericht aus Berlin in Augsb. Alig. Zeitg. vom 7. März 1849 (siehe im Text bei Anmerkung 118): „daß man in Frankfurt immer das Symbol mit der Sache, also den Kaiser mit der Einigkeit verwechselt“. 120 Siehe oben Anmerkung 119. 127 Siehe oben Anmerkung 118. 128 Für die Denkschrift von 1834 siehe oben im Text bei Anmerkung 39. 3t