Historische Blätter 4. (1931)

Fritz Reinöhl: Aus dem Tagebuch der Erzherzogin Sophie

reise. Als Fluchtort nahm die Kaiserin Tirol wegen der Treue seiner Bevölkerung in Aussicht. Maßgebend für den Entschluß zur Abreise scheinen die Erfolge der Sturmdeputation vom 15. Mai, Besorgnisse wegen der Schwäche des Militärs und die Furcht vor Angriffen auf die kaiserliche Burg gewesen zu sein 22. Um dreiviertel sechs Uhr abends erfolgte im strengsten Geheim die Abreise. Aus den Eintragungen, die der Zeit des Innsbrucker Aufenthaltes entstammen, läßt sich wohl entnehmen, daß Erzherzogin Sophie politisch eine Rolle spielte; sie erwähnt wiederholte Unterredungen mit dem Ver­treter des ungarischen Ministeriums Paul Esterházy, mit den ungarischen Ministern Szécheny und Eötvös am 23. Juni, mit dem Minister des Äußern Freiherrn von Wessenberg am 2. Juni, mit dem wegen seines Eintrittes in das Ministerium zu ihr beschiedenen Grafen Stadion am 11. Juni. Sie berichtet über den Empfang der verschiedenen Deputationen, über Beratungen mit Maria Anna über den Empfang der großen Wiener Deputation, die am 12. Juni in Innsbruck empfangen wurde23. Über den Inhalt all dieser, wie wir wissen, zum Teil höchst wichtigen Unter­redungen teilt Sophie nichts mit. Von der bedeutsamen Tätigkeit, die die Erzherzogin in dieser Zeit im Sinne des Absolutismus entwickelte24, einer Tätigkeit, welche sie beim Volke als Seele der Gegenrevolution gelten ließ und sie um die Gunst des Volkes brachte, kündet ihr Tagebuch nichts. Am 12. Juni und 2. August vermerkt sie die Absicht des Hofes, nach Wien zurückzukehren, sehr gegen ihre und der Kaiserin Meinung25. Der Entschluß, infolge der Ereignisse vom 6. Oktober Wien abermals zu verlassen, wurde, wie die Aufzeichnungen der Erzherzogin zeigen, am Abend dieses Tages in einer Beratung, welche die Kaiserin mit Sophie, deren Gemahl, dem Generaladjutanten des Kaisers Fürsten Lobkowitz und dem Obersthofmeister des Erzherzog Franz Josephs, Grafen Grünne, hatte, gefaßt und um halb acht Uhr des nächsten Tages durchgeführt. Wie die Aufzeichnungen aus der Zeit des Wiener Aufenthaltes gehen auch jene, die in Olmütz niederge­schrieben wurden, nur wenig über die Festhaltung des äußeren Verlaufes der Ereignisse hinaus. Nur über die Tätigkeit Franz Karls und über die Frage des Thronwechsels findet sich einiges wenige. Es besteht vielfach die Meinung, daß der Thronwechsel aus der Initiative der Erzherzogin Sophie entsprungen, von ihr energisch betrieben worden 22 S. auch Heifert a. a. O. Bd. 2, S. 227. — 23 Tb. 12. VI. 1848. 24 S. Friedjung a. a. O. Bd. 1, S. 69, 108; Srbik a. a. O. Bd. 2, S. 231. 25 Vgl. Helfert, Geschichte Österreichs vom Ausgange des Wiener Oktober­Aufstandes 1848 Bd. 3, S. 346 f. 8 113

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